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Das Tessin ist attraktiv, aber wählerisch

Prometheus Redaktion
Das Tessin ist attraktiv, aber wählerisch

Hohe Lebensqualität, eine strategisch günstige Lage und attraktive Renditen machen das Tessin zu einem attraktiven Standort für Immobilieninvestoren. Doch um das Kapital aus der Deutschschweiz wirklich zu überzeugen, reichen Image und Lage allein nicht aus. Manuel Gamper, Gründer von Leading Investors, erläutert, wo der Kanton überzeugt, wo er noch Nachholbedarf hat und welche Voraussetzungen heute gegeben sein müssen, um das Potenzial in konkrete Investitionen umzusetzen. Wenn Sie das Tessin heute in einem einzigen Satz als Investitionsstandort beschreiben und die wichtigsten Argumente für eine Immobilieninvestition nennen müssten, wie würden Sie es zusammenfassen?Das Tessin ist heute ein attraktiver, aber selektiver Standort: Hohe Lebensqualität, strategische Lage und überdurchschnittliche Renditen gehen einher mit einem begrenzten Marktvolumen, einer gewissen politischen Komplexität und einem wachsenden Bedarf an Fachkompetenzen. Die drei stärksten Argumente für eine Immobilieninvestition sind die institutionelle und steuerliche Stabilität der Schweiz, die einzigartige Lage als südliches Tor des Landes mit Anbindung an Italien sowie ein Markt, der für gut positionierte Objekte weiterhin eine solide Nachfrage und Wertsteigerungsmöglichkeiten bietet. In welchen Punkten weichen das Selbstbild des Tessins und die von Investoren wahrgenommene Realität am stärksten voneinander ab, und welche Erwartungen haben Investoren aus Zürich, Zug oder Basel heute an eine Region?Das Tessin neigt dazu, sich als Premium-Standort zu betrachten, wobei es auf die Lebensqualität und die Attraktivität der Region setzt, und geht oft davon aus, dass dies ausreicht, um Investoren anzuziehen. Investoren benötigen jedoch auch mehr Grösse, Transparenz und effizientere Prozesse. Heute erwarten sie Schnelligkeit, Vorhersehbarkeit, Datentransparenz und Produkte von institutioneller Qualität. Das Tessin hat nach wie vor Schwierigkeiten mit Skalierbarkeit, Entscheidungszeiten und planerischer Klarheit. Sie arbeiten sehr datenorientiert. In welchen Bereichen fehlt es im Tessin heute an der notwendigen Transparenz, damit Investoren schneller und mit größerer Sicherheit entscheiden können?Die Basisdaten sind heute vorhanden. Was fehlt, sind vor allem zukunftsorientierte und wirklich entscheidungsrelevante Elemente: Absorptionszeiten, Nachfragedynamik, Markttrends und die tatsächliche Projektdauer. Es bedarf daher einer stärkeren Integration und Auswertung der Daten sowie von Fachleuten, die diese interpretieren und die Investoren dank ihrer fundierten Kenntnis der Region konkret unterstützen können. Welche Region im Tessin ist heute aus Sicht der Investoren am interessantesten – Lugano, Bellinzona oder Locarno – und warum?Das hängt stark von den jeweiligen Zielen und dem Anlageprofil ab, aber wenn man sich für eine entscheiden müsste, wäre es heute Lugano: höhere Sichtbarkeit, Liquidität und wirtschaftliche Attraktivität. Bellinzona ist strategisch günstig und im Aufschwung, Locarno bleibt interessant, ist jedoch selektiver und stärker an einzelne Projekte gebunden. Inwieweit spielen Themen wie die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte, die Abwanderung junger Menschen, die langfristige Wirtschaftsdynamik und die Nähe zu Italien heute bei der Bewertung des Tessins als Wirtschaftsstandort eine Rolle?Sie gewinnen zunehmend an Bedeutung. Das Kapital achtet mittlerweile auf langfristige Nachhaltigkeit: Demografie, Attraktivität für Talente, Beschäftigungsdynamik und Innovationsfähigkeit werden ebenso entscheidend wie die Rendite. Das Tessin verfügt über Anlageklassen, die sorgfältig verwaltet werden müssen, und andere, die sehr interessant sind. Auch die Nähe zu Italien ist ein dynamisches Gleichgewicht. Sie bleibt ein Vorteil hinsichtlich des Zugangs zu Arbeitskräften, Kultur und Wirtschaftsaustausch, bringt aber auch einen höheren Wettbewerbsdruck und die Wahrnehmung einer grösseren strukturellen Exposition mit sich, was sowohl Chancen als auch Schwachstellen verstärken kann. Inwieweit bremsen heute im Tessin konkrete Investitionsentscheidungen durch die Verfahren zur Erteilung von Baugenehmigungen, planerische Unsicherheiten und politische Komplexität?Sie bremsen sie erheblich. Nicht so sehr als absolutes Hindernis, sondern als Faktor, der Unsicherheit hinsichtlich des Zeitplans mit sich bringt – und Zeit ist heute einer der wichtigsten Werttreiber. In einem Markt mit geringeren Margen und höheren Risiken gewinnen Off-Market-Transaktionen, Club Deals und Co-Investitionen zunehmend an Bedeutung. Sind genau das heute einige der wenigen Möglichkeiten, im Tessin weiterhin attraktiv zu investieren?Sie sind nicht die einzige Möglichkeit, aber immer häufiger die effektivste. In einem kleinen, von persönlichen Beziehungen geprägten Markt zählen der Zugang zu Chancen und die Fähigkeit, Deals zu strukturieren, oft mehr als die reine Finanzkraft. Die Chancen sind da, erfordern aber Offenheit gegenüber verschiedenen Anlageklassen wie Gastgewerbe, Industrie oder Seniorenwohnungen sowie grössere Flexibilität. Mit Hilfe von Daten und fortschrittlicheren Investitionsstrukturen schätzen wir das ungenutzte Potenzial auf 200 bis 400 Millionen Franken pro Jahr. Inwieweit beeinflussen die aktuelle Weltlage, geopolitische Konflikte, die Energiepreise und die Unsicherheit an den Märkten die Bereitschaft, in kleinere oder abgelegene Regionen wie das Tessin zu investieren?Spürbar. In Zeiten der Unsicherheit tendiert Kapital dazu, grosse und liquide Märkte zu bevorzugen. Regionen wie das Tessin müssen daher ihr Risiko-Rendite-Verhältnis noch deutlicher aufzeigen. Gleichzeitig stellen die oft über dem nationalen Durchschnitt liegenden Margen und Renditen eine konkrete Chance dar, die – wenn sie gut kommuniziert und strukturiert wird – zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden kann. Welche drei Massnahmen sollte der Kanton in den nächsten zwei Jahren vorrangig ergreifen, damit das Tessin für Investoren aus der Deutschschweiz deutlich attraktiver wird?Die Verfahren beschleunigen und berechenbarer gestalten, grosse öffentliche Projekte und den regulatorischen Rahmen vorantreiben sowie entschlossen in die wirtschaftliche Attraktivität und die Bindung von Talenten investieren. Welche Botschaft möchten Sie der Politik und den Akteuren der Raumentwicklung mit Blick auf die nächsten zwei bis drei Jahre mitgeben?Das Tessin hat alles, was es braucht, um sehr attraktiv zu sein. Es ist entscheidend, dies klar zu kommunizieren und diese Stärken durch Umsetzung, Schnelligkeit, Kompetenz und Teamarbeit unter den Akteuren zur Geltung zu bringen. Redaktion: immoMedia, Bild: zVg. Manuel Gamper, geboren in Lugano, begann seine Karriere in der Unternehmensberatung und im Marketing, wo er über 15 Jahre lang national und international tätige Agenturen gründete und leitete. 2018 trat er der Artisa-Gruppe bei, wo er City Pop in der Entwicklungs- und Einführungsphase des innovativen Modells des „Micro Living“ mit Serviceleistungen leitete. Im Jahr 2020 war er Mitbegründer von Multi RE, einem auf Datenanalyse und Immobilienberatung spezialisierten Unternehmen, aus dem später Leading Advisory hervorging. Im Jahr 2024 gründete er Leading Investors, ein Unternehmen, das sich auf grosse und komplexe Immobilientransaktionen konzentriert und sich an führende nationale und internationale Investoren und Entwickler richtet. Gamper ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und lebt mit seiner Familie im Tessin.

www.immo-invest.ch

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