Rechnen ist Glückssache. Von Thomas Baumann Dass im Nebelspalter hin und wieder abgeschrieben wird, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Doch nicht nur im Umgang mit Quellen, sondern auch im Umgang mit Zahlen hapert es dort öfters. In seinem Newsletter Somms Memo erklärt uns der spätdoktorierte Grossintellektuelle Markus Somm gerne die Welt. So auch, zum Beispiel, am 29. Mai. Da schrieb er über den Unternehmer Fredy Gantner, der sich seit kurzem genussvoll ins politische Getümmel stürzt: Ihn als « Klimakriminellen» zu bezeichnen, « dürfte den Straftatbestand der Verleumdung erfüllen». Wir lernen daraus: Seinen Doktor hat Somm ganz bestimmt nicht in Jurisprudenz gemacht. Immerhin, im selben Artikel hatte es noch zwei Grafiken — und Somm hatte mächtig Dusel, dass er sich bei einer Quelle bediente, die tatsächlich alles richtig machte: Facts4Future hat nämlich in der Grafik, welche den CO2-Ausstoss mit dem BIP in Verbindung setzt, das BIP deflationiert. Auch so zeigt sich in der Schweiz noch eine Halbierung des CO2-Ausstosses pro realem BIP-Franken zwischen 2000 und 2025. Was herausgekommen wäre, hätte man nicht deflationiert, zeigt ein Hinweis auf die Inflationsraten gewisser Länder: Türkei rund 8500% seit 2000, im Libanon eine Verzechzigfachung und in Argentinien und im Sudan eine Verdreissigfachung der Preise seit 2020 alleine. Im Iran haben sich die Preise seit 2012 vervierzigfacht und die Hyperinflation in Zimbabwe und Venezuela schenken wir uns. Kurz: All diese Länder hätten es geschafft, den CO2-Ausstoss pro BIP-Einheit um einen Faktor 10 oder 100 zu senken — alleine aufgrund der Inflation. Für einmal durfte Somm also das Glück der Tüchtigen für sich in Anspruch nehmen. Dass es sich dabei tatsächlich eher um Glück im (zufälligen) Finden der richtigen Quelle als um ausgeprägtes mathematisches Verständnis handelte, bewies Somm bloss ein paar wenige Tage zuvor. Da widmete er sich dem Zusammenhang zwischen Unternehmenssteuern und Arbeitsplatzwachstum. Mit einer hübschen Grafik, die er sich aus Daten von PWC zusammengebastelt hatte. Wir sehen auf der linken Achse den Unternehmenssteuersatz und auf der rechten Achse die neu geschaffenen Arbeitsplätze pro Kanton. Und was entnehmen wir der Grafik? Zweierlei: Die Tiefsteuerkantone Unterwalden, Appenzell, Glarus und Uri haben fast keine neuen Arbeitsplätze geschaffen, der Hochsteuerkanton Zürich hingegen (in absoluten Zahlen) sehr viele. Und daraus zieht Somm messerscharf den Schluss: An der Steuern (alleine) liegt es nicht, wenn Menschen zuwandern. Damit hat er allerdings recht. Trotzdem ist die Grafik purer Unsinn. Würde es einzig von der Höhe des Unternehmenssteuersatzes abhängen, wo sich Unternehmen ansiedeln, müssten sich alle (ohne Ausnahme) im Kanton mit dem tiefsten Steuersatz drängen. Was sie natürlich nicht tun. Denn der Unternehmenssteuersatz ist ein Gewinnsteuersatz und ohne fähige Mitarbeiter kein Gewinn. Schon das alleine verbietet, dass sich alle Unternehmen im Kanton Luzern (dem Kanton mit dem aktuell tiefsten Unternehmenssteuersatz) ansiedeln. Wenn schon, hätte man die Höhe des Steuersatzes mit dem prozentualen (anstatt absoluten) Arbeitsplatzwachstum in Verbindung setzen müssen. Oder — noch einen Schritt weiter — hätte man untersuchen können, ob Kantone durch eine Senkung des Unternehmenssteuersatzes ihr Arbeitsplatzwachstum im Vergleich zu anderen Kantonen überdurchschnittlich in die Höhe treiben können. Kleine und grosse Kantone beim Arbeitsplatzwachstum in absoluten Zahlen über einen Kamm zu scheren, ist hingegen glatter Unsinn. Kommt Somm hier noch mit einem knappen «ungenügend» davon, rechnet sich sein Vize Dominik Feusi so richtig ins Nirvana. In einem Artikel vergleicht er nämlich Zuwanderung und Arbeitsplatzwachstum und stellt fest: Es braucht fast sechs Zuwanderer für eine Vollzeitstelle. Wie das? Indem er die Bruttozuwanderung mit den ausländischen Beschäftigten vergleicht. Und da findet Feusi eben: Von Anfang 2016 bis Ende 2025 sind brutto 1,84 Millionen Ausländer in die ständige Wohnbevölkerung zugewandert, während die Zahl der ausländischen Beschäftigten in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) « nur» um 330’000 zugenommen hat. Ergibt ergo, dass auf 5,6 Zuwanderer nur eine Vollzeitstelle besetzt wird. Faule Ausländer! Wandern nur in den Sozialstaat anstatt in den Arbeitsmarkt ein! Pfui! All diese deutschen Professoren und Ärzte: Keiner arbeitet, alle auf dem Sozialamt! Nun, dass an der Rechnung etwas faul sein muss, hätte eigentlich auch Feusi mit ein wenig gesundem Menschenverstand auffallen müssen. Da es dies nicht tat, rechnen wir sein Unglück einmal zu Ende. Ende 2025 belief sich die ständige ausländische Wohnbevölkerung gemäss Staatssekretariat für Migration ( SEM) auf 2,4 Millionen Personen. Zwischen 2016 und 2025 sind davon gemäss Feusi gut 1,84 Millionen zugewandert. Rechnen wird noch ein wenig weiter zurück: Zwischen Anfang 2010 und Ende 2015 sind nochmals etwa eine Million brutto zugewandert. Macht zusammen mit den erwähnten 1,84 Millionen rund 2,8 Millionen. Seien wir ein wenig nett mit Feusi: Berücksichtigen wir korrekterweise, dass ein Teil der zugewanderten Ausländer keine Ausländer mehr sind, weil sie in der Zwischenzeit eingebürgert wurden. Dann können wir von den 2,8 Millionen nochmals 640’000 abziehen. (Wobei es hierzu zu bemerken gibt: Die ganzen 640’000 von den nach 2015 Eingewanderten abzuziehen, ist eigentlich überzogen, da die meisten Eingebürgerten wohl bereits vor 2016 eingewandert sind). Wie dem auch sei… Rechnet man mit Feusis Daten noch weiter zurück, dann käme man irgendwann zwischen 2007 und 2010 an den Punkt, an dem die ausländische Bevölkerung in der Schweiz … unter Null sinkt. Feusis Fehler in Kürze: Bei der Berechnung der Zuwanderung berücksichtigt er nur die Zuwanderung, nicht aber die gleichzeitige Abwanderung von Ausländern. Das ist ungefähr so, als würde man bei der Berechnung des Geburtenüberschusses nur die Geburten, nicht aber die Todesfälle berücksichtigen… Oh, Feusi! Zäumen wir das Pferd nochmals anders auf: Gemäss SEM betrug die ständige ausländische Wohnbevölkerung am 31. Dezember 2015 exakt 1’993’916 Personen. Ende 2025 waren es gemäss SEM genau 2’414’408 oder 420’492 Personen mehr. Darauf hätte eigentlich auch Feusi kommen können. Dividiert man diesen Zuwachs durch die zusätzlichen 330’000 VZÄ, dann ergibt sich: 1,3 Ausländer in der ständigen Wohnbevölkerung mehr führen zu einem zusätzliches «ausländisches» VZÄ auf dem Arbeitsmarkt. Stellt sich die Frage: Ist eine derart hohe Quote plausibel? Wohl kaum. Sie erklärt sich dadurch, dass bei den Arbeitskräften auch die Grenzgänger mitgezählt werden. Diese trugen im Zeitraum 2016-2025 ziemlich genau dreissig Prozent zum Wachstum der erwerbstätigen Ausländer bei. Rechnet man diesen Faktor (d.h. die Grenzgänger) heraus und berücksichtigt das tendenziell höhere Arbeitspensum von Grenzgängern, dann resultiert eine Quote von ungefähr 2:1 Zuwanderern pro zusätzlichem Vollzeitäquivalent. Wichtig ist jedoch nicht so sehr die genaue Zahl, als die Feststellung: Feusi rechnet nicht nur beim Zähler seines Quotienten baren Unsinn zusammen, sondern auch der Nenner stimmt nicht bzw. hat nichts mit dem Zähler zu tun. Im Zähler steht der Zuwachs der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung, im Nenner alle ausländischen Arbeitskräfte inklusive Grenzgänger, welche eben gerade nicht zur ständigen Wohnbevölkerung zählen. Also gleich doppelt falsch, Zähler und Nenner falsch. Falscher geht nicht mehr. Anstatt derart Unfug mit der öffentlichen Statistik zu betreiben, sollte sich Dominik Feusi in Zukunft vielleicht wirklich besser aufs Abschreiben beschränken. Da kann er deutlich weniger Schaden anrichten.