Bereits während den zwölf Jahren in Forschung und Lehre an der ETH hatte ich begonnen, über verschiedene Organisationen an den Hochschulen Kurse für Studenten zu halten. Nun haben diese ein jähes Ende gefunden, da ich nicht bereit bin zu gendern und mich einer gendergerechten Bildauswahl zu unterwerfen. Per Mail erhielt ich über die Kursorganisation die anonyme Kritik eines einzelnen Studenten, mit Copy an vier Diversity-Organisationen von ETH, Universität Zürich sowie die Zürcher und die Ostschweizer Fachhochschulen. Die Beanstandung lautete, ich würde das generische Maskulin verwenden und Männer und Frauen in meinen Folien unausgewogen darstellen, was sexistisch und diskriminierend sei. Ich konnte es kaum glauben. Seit vielen Jahren halte ich Kurse für Studierende, die immer grosses Interesse gezeigt haben, ohne je eine einzige Beanstandung. Jetzt wird man nach der Intervention eines Studenten, der oder die einem nicht einmal persönlich angesprochen hat, davongejagt. Mehr als zehn Jahre lang stiessen meine Kurse bei den Studenten auf gute Resonanz. Immer gab es angeregte Diskussionen über Inhalte und Äusserungen, eine Auseinandersetzung, die zum Selbstverständnis einer Hochschule gehören muss. Kein einziger Student und keine einzige Studentin hat je meine Folien oder meine Sprache kritisiert. Ja, ich gendere nicht. Oder selten. Doch ich respektiere andere Meinungen sehr und habe nichts dagegen, wenn jemand gendert, was ich im universitären Umfeld auch oft erlebe. Ich meinerseits habe gute Gründe, nicht zu gendern, und beziehe mich dabei auf Quellen, die mich in meiner Haltung bestätigen. Darunter gut argumentierte NZZ-Artikel und -Kommentare von: Ewa Trutkowski, Sprachwissenschafterin (2020); Claudia Schwartz, Redaktorin (2021); Gerald Ehegartner, Deutschlehrer und Autor (2025). Spracheleganz und -flüssigkeit gewichte ich da höher. Dass Gendern umständlich und ziemlich unnatürlich ist, zeigt sich nicht nur an den heftigen Debatten von Befürwortern und Gegnern. Sondern auch an seitenlangen Leitfäden von Behörden und Institutionen zum sogenannt „geschlechtergerechten“ Formulieren. Bisher habe ich es an den Hochschulen so erlebt, dass „geschlechtergerechte“ Sprache eine Empfehlung ist, nicht ein Muss. Im Sinne der Wissenschaftsfreiheit habe ich dies immer begrüsst. Jetzt scheint der Wind stärker zu blasen, und man wird bei Widerstand, sich diesem Diktat zu unterwerfen, von der Bühne geweht. An den Kursorganisatoren liegt es nicht, da habe ich Kulanz erlebt, auch wenn sie meine Haltung vielleicht nicht teilen. Aber die Kursanbieter stehen selber unter Druck. Sie möchten ja weiterhin Mails an Studenten senden dürfen, was natürlich nicht geht, wenn sie nicht-gendernde und nicht-gendergerechte-Bilder-wählende Kursleiter engagieren. Schade eigentlich, dass man verschiedene Auffassungen übers Gendern nicht zulässt, so wie diese in der Gesellschaft auch verbreitet sind. Da würde ich mir ein bisschen mehr Toleranz und Offenheit an den staatlich finanzierten Hochschulen wünschen. Zudem müssten gerade im akademischen Bereich solche Themen in all ihren Facetten offen und breit debattiert werden. Ein einseitiges Diktat von oben ist sicher nicht der richtige Ansatz. Viele denken wie ich, doch wenige getrauen sich oder können es sich erlauben, Widerstand zu leisten.