Zum Inhalt springen

Papst Leo weiht höchsten Kirchturm der Sagrada Família ein

Prometheus Redaktion

Geschwungene Giebel, schiefe Wände, verdrehte Ebenen. Die emporsteigenden Säulen des Kirchenschiffs wirken wie ein Wald aus verzweigten Bäumen, die an der Decke ein abstraktes Blätterdach bilden. Man muss kein Architekturexperte sein, um zu sehen, dass Antoni Gaudís (1852–1926) Sagrada Família etwas Einzigartiges ist. Nun will Papst Leo während seines Spanien-Besuchs den Jesus-Turm der weltberühmten Kirche einweihen. Und der Vatikan prüft die Seligsprechung Gaudís. Er wäre der erste Architekt der Kirchengeschichte, dem diese Ehre zuteil würde. Aussergewöhnlich sind die Aussenfassaden Barcelonas «Sühnetempel der Heiligen Familie», an dem bereits seit 144 Jahren gebaut wird, ist anders als gewöhnliche Kirchenbauten. Er sieht nicht einmal gebaut, sondern organisch gewachsen aus. Das Ausserordentliche daran: «Normalerweise haben Kirchen ihre Ikonografie im Innenraum. Gaudí hingegen drückte die christliche Botschaft an den Aussenfassaden aus, damit sie die Leute von der Strasse aus sehen können», erklärt Gaudí-Biograf Daniel Giralt-Miracle. Die Geburtsfassade – die einzige, die Gaudí selber noch zu Lebzeiten fertigstellen konnte – erzählt mit Skulpturen die Geschichte von Jesu Geburt und seiner Kindheit. Mit Schildkröten, Chamäleons, Schnecken, Tauben und Pelikanen griff Gaudí christliche Symbole auf. Das Eingangstor der Geburtsfassade ist mit Pflanzen, Schmetterlingen und anderen Insekten verziert. Auf den Seitenschiffen und Aposteltürmen platzierte er Granatäpfel, Trauben, Weizenähren und Kirschen als Symbole für Fruchtbarkeit, Leben und die Schöpfung Gottes. Die Idee von Gott als Schöpfer der Welt und der Natur zieht sich als Grundprinzip durch den gesamten Kirchenbau, weshalb Gaudí gerne als «Architekt Gottes» bezeichnet wird. Die Natur war sein architektonisches Vorbild, aber für den tiefgläubigen Katholiken gab es dabei eine klare Regel: Das Werk des Menschen darf das von Gott nicht übertreffen. Deshalb ist der nun fertiggestellte Jesus-Turm auch genau 172,5 Meter hoch. Barcelonas Hausberg Montjuïc misst dagegen 173 Meter. In jedem Turm, jeder Kapelle und jeder Fassade ist eine theologische Bedeutung eingemeisselt. Selbst das durch die bunten Fenstergläser gebrochene Licht hat je nach Sonnenstand eine liturgische Symbolik. Es gibt drei Hauptfassaden als Symbol der Dreifaltigkeit. Die 18 Türme stehen für die zwölf Apostel, die vier Evangelisten, die Jungfrau Maria und Jesus Christus. Die Sagrada Família – eine Bibel aus Stein «Die Sagrada Família ist eine in Stein gehauene Bibel, die viele Menschen religiös tief bewegt – ob gläubig oder nicht. Alleine schon aus diesem Grund, sollte man Gaudí zum Heiligen machen», sagt Jospe María Turull, Pfarrleiter der Sagrada Família. Das könnte tatsächlich auch schon bald der Fall sein. Seit Jahren prüft der Vatikan seine mögliche Seligsprechung, die Vorstufe zum Heiligen. Für die Seligsprechung muss zunächst noch ein Wunder anerkannt werden. Der Vatikan untersucht gerade den Fall einer Frau aus Gaudís Geburtsstadt Reus im Süden von Barcelona. Ihr Grauer Star soll wundersam verschwunden sein, nachdem sie Gaudí um Fürbitte vor Gott bat, damit sie wieder sehen kann. Neben seiner «Bibel aus Stein» erkannte Papst Franziskus 2025 aber auch Gaudís «heroische Tugenden» wie seine tiefe christliche Spiritualität und sein asketisches Leben an, um die Seligsprechung voranzubringen. Gaudí war Ende des 19. Jahrhunderts in Spanien eine Berühmtheit und als Gründer des Modernisme, einer katalanischen Variante des Jugendstils, der bekannteste Architekt überhaupt. Er verkehrte in den besten Kreisen, verdiente viel Geld und trug teure Anzüge. Die reichsten Bürger der Stadt liessen sich von ihm exzentrische Häuser bauen. Jeder Barcelona-Tourist besucht heute Gaudís Güell-Park, seine Casa Batlló und die Pedrera. Doch je mehr er sich dem Bau der Sagrada Família widmete, desto religiöser wurde er, desto mehr lehnte er sein eigenes Leben als Dandy ab. Er entwickelte ein starkes soziales Bewusstsein. Seine Arbeiter behandelte er paternalistisch, aber sehr respektvoll. Er interessierte sich für die Lebensbedingungen ihrer Familien, was für die damalige Zeit keineswegs selbstverständlich war. Er baute sogar für ihre Kinder auf eigene Kosten eine Schule. Der Sühnetempel wird zu seinem Lebenswerk, in das er all seine Energie und sein gesamtes Vermögen investierte. Er schlief nicht mehr in seiner Vorstadtvilla, sondern in der Werkstatt der Kirche zwischen Bauskizzen und Gipsmodellen, um keine Zeit zu verlieren. Er ass kaum noch. Der verwahrloste Anzug, die schmutzigen Hände, der zerzauste Bart: Als der 73-jährige Architekt am 7. Juni 1926 von einer Strassenbahn angefahren wurde, hielten ihn die herbeieilenden Menschen für einen obdachlosen Bettler. Drei Tage später starb er im Armenspital im Raval-Viertel. Zigtausende Menschen begleiteten seinen Trauerzug zur Sagrada Família, wo er in der Krypta beigesetzt wurde. Am Mittwoch weiht nun Papst Leo XIV. höchstpersönlich zum 100. Todestag Gaudís den Jesus-Turm seiner Sagrada Família ein. Es ist der weltweit höchste Kirchturm. Fertig ist sein Sühnetempel, der jährlich von fast fünf Millionen Menschen besucht wird, aber noch nicht. «Wenn alles nach Plan läuft, dürften wir die fehlende Glorienfassade mit dem zukünftigen Haupteingang in etwa zehn Jahren gebaut haben», verrät der aktuelle Chefarchitekt Jordi Faulí. Für ihre Gestaltung sind berühmte spanische Künstler wie Miquel Barceló und Cristina Iglesias sowie der Mexikaner Javier Marín im Gespräch. Zeitdruck verspürt Faulí jedoch nicht: «Schon Gaudí sagte, sein Kunde habe keine Eile.» Damit meinte er Gott.

www.solothurnerzeitung.ch

Zum Originalartikel