Roberto C. Feusi ist Publizist. 6.6.2026 Graffiti hatte einmal eine Geschichte. New York, Bronx, 1970er Jahre – Jugendliche ohne Stimme, ohne Geld, ohne Perspektive. Die Wand war das einzige Medium, das ihnen gehörte. Das war Subkultur. Harald Nägeli, der „Sprayer von Zürich“, kam aus gutem Haus und machte trotzdem Kunst. Er wurde verurteilt, floh, sass ein – seine Strichmännchen hängen heute im Kunsthaus. Was heute an Zürichs Wänden prangt, ist das Gegenteil: „Züri isch ois“ ist kein Statement über eine Stadt. Es ist Ausdruck von Einzelpersonen, die nichts zu sagen haben – und es trotzdem mit Spraydose an jede Wand schreiben. Die heutigen Tags sind selten politische Botschaften. Meist geht es um Sichtbarkeit, Reviermarkierung und Wiedererkennung innerhalb der Szene. 4,4 Millionen Franken kostet der Vandalismus die Stadt jährlich – Steuerzahler und Hauseigentümer teilen sich die Zeche. Der Urheber zahlt … Nada, niente, rien. Was bisher versucht wurde – Anzeigen, Sozialarbeit, legale Flächen – hat der Sache keinen Einhalt geboten. Von 5’205 registrierten Fällen im Jahr 2022 blieben 89 Prozent folgenlos. Tendenz steigend. Das Obergericht hat entschieden: Strafverfolgung bei Sprayereien sei kaum zielführend. Gut so. Der richtige Hebel ist kein Gericht, sondern die Rechnung. Das Werkzeug liegt längst bereit. Bilderkennungs-KI. Wer sein Werk auf Instagram oder TikTok feiert, liefert den Abgleich gleich mit. KI kann Ermittlern helfen, Serien von Tags derselben Hand zuzuordnen und die Beweisführung beschleunigen. Die Schweiz sanktioniert den Schaden, aber nicht konsequent dessen Finanzierung durch den Verursacher. Der identifizierte Urheber müsste die Rechnung erhalten. Vollständig. Reinigung, Schutzbeschichtung, Verwaltungsaufwand zur Identifikation – alles. Mit Mehrwertsteuer. Finanzielle Konsequenzen wirken meist zuverlässiger als symbolische Strafen. Auch auf Revier-Narzissten mit Filzstift, Kleber und Spraydosen. Wer nicht zahlen kann, leistet Arbeitsstunden ab: Klebstoff von Verkehrsschildern kratzen, Container von Tags befreien, Trafohäuschen reinigen. Stunde für Stunde. Fläche für Fläche. Nicht als Strafe, sondern als Entwicklungs- und Lernprogramm Bei Minderjährigen sollen die gesetzlichen Möglichkeiten zur Haftung der Erziehungsberechtigten konsequent ausgeschöpft werden. Graffiti als Kunst existiert. Die Stadt stellt Flächen dafür zur Verfügung. Das Angebot wird bescheiden genutzt. Zürich ist reich und teuer. Wer eine Wand, die ihm nicht gehört, wie ein Notizbuch benutzt, soll die Rechnung bezahlen. Nicht die Allgemeinheit.
Zürich zahlt jährlich Millionen für Graffiti-Reinigung – Inside Paradeplatz