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Ausmisten: Erinnerungen und Dinge aus 2006

Ich kann Dinge schlecht wegwerfen; ich bin fähig, jedem Gegenstand eine gewisse Bedeutung zuzuschreiben. Er wird dann so bedeutsam, dass er nicht in den Abfall wandern kann. Die Folge: Im Keller stapeln sich Kisten voll mit alten Büchern und Unterlagen aus der Kanti- und Unizeit. Und die Technikkiste, in der alle Kabel verstaut sind – die kann man ja auch irgendwann noch brauchen, nicht wahr – quillt vor lauter USB-Sticks über. Ich beginne zu sinnieren: Vor 20 Jahren habe ich meine Matura gemacht. Da war ich halb so alt wie jetzt. Damals war ich seit knapp zwei Jahren im Besitz eines Handys. So ein Sony Ericsson, das man pro Woche vielleicht einmal laden musste. Meine Maturaarbeit finde ich auf einer – wie modern! – CD-ROM. Ich erinnere mich, dass ich voller Stolz den Discman in einen MP3-Player eingetauscht hatte. Musik hören ohne nerviges Stocken – wie grossartig! Die Songs besorgte ich mir – wohl nur halbwegs legal – auf einer der vielen Downloadseiten, die es damals gab. Meine letzte Maturaprüfung (Mathematik mündlich, ein Graus!) absolvierte ich am Tag, als die Schweizer Nati an der Fussball-WM in Deutschland gegen Togo antreten musste. Bis heute weiss ich nicht, welches Ereignis mich nervöser machte. 2006 hält die Vogelgrippe die Welt in Atem, ein Streit um eine Mohammed-Karikatur entbrennt und der Irakkrieg tobt. Saddam Hussein wird später in diesem Jahr hingerichtet. Lordi gewinnen den ESC, die Band Tokio Hotel surft auf ihrer Erfolgswelle und durch den Monsun, Angela Merkel absolviert ihr erstes volles Jahr als Deutschlands Bundeskanzlerin. Instagram und WhatsApp existierten noch nicht, auch keine Influencer und Content Creator (wie schön wir es doch hatten). 2006 kaufte ich mir noch DVDs und CDs. Die vergammeln inzwischen auch in einer Schublade im TV-Möbel. Damit wären wir zurück bei meinen Schatzkisten mit Grümpel aus den letzten 20 Jahren. Habe ich all die Sachen in den vergangenen 20 Jahren mal gebraucht? Nein! Hab ich mal eines der Unibücher zum Nachschlagen hervorgeholt, weil ich unbedingt etwas wissen musste? Habe ich jemals das «FoTa» (Formeln und Tabellen für Mathematik) wieder konsultiert, weil ich eine komplizierte Rechnung zu lösen hatte? Um Himmelswillen: nein! Die Sachlage ist also klar: Die Bücher können weg, die CDs können weg, und die Kabelsammlung ist ein Fall für den Elektroschrott. Mein Kopf weiss das. Trotzdem schleichen sich Gedanken ein wie: Dieses Ladekabel kann ich sicher noch brauchen (notabene für ein Gerät, das seit 15 Jahren nicht mehr hergestellt wird). Ich miste also sanft aus. Die Kanti-Jahrbücher dürfen bleiben, die CD-ROM mit der Maturaarbeit auch. Verstaut in der Kiste im Keller, als Zeitkapsel. Und vielleicht auch als Mahnmal dafür, dass ich zwar in einer Welt lebe, in der sich in 20 Jahren fast alles verändert hat – ausser meiner Fähigkeit, alten Grümpel als wertvolle Erinnerung zu betrachten. Bsetzistei ist die wöchentliche Kolumne aus der Feder der Redaktorinnen und Redaktoren des Zofinger Tagblatts.

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