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Seitenblick: Kühlende Lektüren

Prometheus Redaktion

«Sag mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist»: Das ging mir wieder einmal durch den Kopf, als ich kürzlich vor dem Regal eines befreundeten Paares stand und sich ihre Interessen und Überzeugungen ziemlich genau in der Auswahl der Bücher spiegelten. Viele Klassiker der Weltliteratur waren da zu finden, aber auch linke Philosophen und Autoren, dazu Bücher übers Gärtnern und über Achtsamkeit. Ein leuchtend gelbes Buch mit dem Titel «Königswege zum Unglück» zog dabei meine Aufmerksamkeit auf sich. Geschrieben von Franz Berzbach und gestaltet von Jenna Gesse versammelt das Werk Gedanken, die «uns vergiften, die uns nachts wachhalten – die ihre schwarze Kraft aber verlieren, wenn wir mit ihnen besser bekannt werden». Es sei ein «gefährliches Buch», stand auf dem Umschlag. Ich wagte trotzdem einen Blick in den Text. Unglücklich macht demnach, alles auf sich zu beziehen, schöne Worte mit Liebe zu verwechseln oder alles mit dem Alter zu entschuldigen. Bei einem Satz fühlte ich mich besonders ertappt: der Überzeugung zu sein, keine Zeit zum Lesen mehr zu haben. Tatsächlich liegt das letzte Buch, das ich, immerhin ehemaliger Student der Germanistik, gelesen habe, schon Monate zurück. Als Vater eines kleinen Kindes bleibt am Abend kaum Energie fürs Lesen, rechtfertigte ich mich jeweils vor mir selbst. Die Aufforderung zum Lesen nahm ich ernst und zog kurzerhand ein weiteres Buch aus dem Regal, das ich mir in Gänze zu Gemüte führen wollte: «Die Schrecken des Eises und der Finsternis» des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr. Es erzählt die Geschichte einer Nordpol-Expedition in den Jahren 1872 bis 1874 – ein waghalsiges, tödliches Unterfangen. Was diese Wahl über mich aussagt? Abgesehen davon, dass ich Ransmayrs wuchtige Sprache und seine dichten, vielschichtigen Erzählungen sehr schätze, wohl vor allem, dass mir die Hitze dieser Tage gehörig zu Kopf gestiegen ist. Denn das Buch bietet gedankliche Abkühlung: Während draussen die Schweiz in der Sommerhitze schmorte, setzte ich mich freiwillig der Dunkelheit der Polarnacht und den gewaltigen Eismassen aus. «Du bist, was du liest» – manchmal ist die Wahrheit hinter diesem Satz auch reichlich banal.

www.zofingertagblatt.ch

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