Basel Bound «Heimat ist dort, wo dein Herz ist» Marvi del Nero verlor ihre spirituelle Heimat Australien durch eine traumatische Ausweisung. Basel bot der gebürtigen Brasilianerin einen sicheren Zufluchtsort – doch die Sehnsucht nach der Weite des Meeres bleibt. Eine Serie über das Ankommen und Bleiben. Triggerwarnung: In diesem Text werden Suizidgedanken thematisiert. Name: Marvi del Nero Alter: 75 Nationalität: Brasilianisch Wohnort: In den 70er-Jahren Schaffhausen, Horgen, Turbenthal; seit 2015 Riehen Beruf: Englisch- und Portugiesischlehrerin, Bachblüten-Therapeutin, Tier- und Housesitterin, unterdessen pensioniert Liebt an Basel: Den Zufluchtsort, den die Stadt ihr bot und der sie nie im Stich liess Stört an Basel: Dass es ein Binnenland ohne Meer ist und die sprachlichen Barrieren In Basel seit: 2015 Serie «Basel Bound» In Basel leben Menschen aus über 160 Nationen. In unserer Serie «Basel Bound» rücken wir ihre Perspektiven ins Zentrum. Gemeinsam mit Neighbourhood News fragen wir direkt nach, wie sie Basel prägen und was sie hier bewegt. Sie erzählen ihre Geschichten vom Ankommen und Bleiben gleich selbst. Alles lesen «Ich vermisse die heisse Sonne auf meiner Haut, den Sand unter meinen Füssen, den fernen Horizont. Sonne, Sand, Samba, Meer. Aber am meisten vermisse ich das Meer. Ich bin ein Wassermensch – einfach bitte nicht im gefrorenen Zustand! Meine Vorstellung von Weihnachten ist: Am Strand in der prallen Sonne mit Familie und Freunden ein kaltes Stück Wassermelone essen. Wer einmal den Sommer liebt, liebt ihn für immer.» So beschreibt Marvi ihr Heimweh. Doch diese tiefe, intensive Sehnsucht gilt weder ihrem Geburtsland Brasilien noch – logischerweise – der Schweiz, sondern einem dritten Ort, den sie zu ihrer Heimat gemacht hat: Australien. Von Sonne, Sand und Samba in die Schweiz «Ich bin in Brasilien auf einer Insel geboren und aufgewachsen. Da ich sehr anglophil bin, machte ich mit 20 Jahren einen Sprachaufenthalt in Brighton. Dort lernte ich diesen blonden, blauäugigen Schweizer Jungen aus Zürich kennen. Nach etwa vier Jahren Beziehung haben wir geheiratet. Ich lebte anschliessend fünf Jahre in der Schweiz – in Schaffhausen, Horgen und Turbenthal. Ich weiss noch, wie klaustrophobisch ich mich wegen der Berge fühlte. Sie starrten mir ständig direkt ins Gesicht und erdrückten mich förmlich.» «Als ich zurück in Brasilien war, [...] spürte ich ständig dieses tiefe Heimweh, diese ‹Saudade› oder Sehnsucht – die überraschenderweise weder Brasilien noch der Schweiz galt, sondern Australien.» Marvi del Nero «Mein erster Sohn kam 1976 in der Schweiz zur Welt. Zwei Jahre später zogen wir nach Brasilien, wo mein zweiter Sohn geboren wurde. In den frühen Neunzigern verliess unsere Familie São Paulo, weil es dort langsam gefährlich wurde, die Stadt verschmutzt war und es unendlich viel Verkehr gab. Wir zogen in ein winziges Fischerdorf. Es gab dort gerade mal 64 ansässige Familien – eine eingeschworene Gemeinschaft mit einem sehr einfachen Leben. Wir blieben dort bis 2001, mein Mann und ich liessen uns bereits 1993 scheiden.» Kann man sich einem Ort verbunden fühlen, an dem man noch nie war? «Auf Einladung meines jüngeren Sohnes besuchte ich 2001 Australien, weil er dort studierte. Nach sechs Monaten Aufenthalt beschloss ich, dauerhaft zu bleiben. Als ich zurück in Brasilien war, um meine Sachen zu packen und mein Haus zu verkaufen, spürte ich ständig dieses tiefe Heimweh, diese ‹Saudade› oder Sehnsucht – die überraschenderweise weder Brasilien noch der Schweiz galt, sondern Australien. Ich hatte das Gefühl, dass eine Liebesbeziehung zu einem Land beständiger sein kann als zu einem Menschen. Für mich ist Narrabeen in Australien meine ‹Seelenstadt›, meine spirituelle Heimat. Am Ende habe ich elf Jahre dort gelebt – es waren die besten Jahre meines Lebens.» Marvi wechselte ständig zwischen Studierenden- und Tourist*innenvisa, unterbrochen von Aus- und Wiedereinreisen. So überbrückte sie die Zeit, bis sie die Kriterien für eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung erfüllte – eine Strategie, die Expats weltweit nutzen, um irgendwann die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Doch Marvis Liebesbeziehung mit Australien endete tragisch, als sie des Landes verwiesen wurde. Über diese Erfahrung schreibt sie in ihrem Buch «The Visa Saga». Mit den Tränen kämpfend erinnert sie sich: «Es war unglaublich schmerzhaft. Es tut selbst so viele Jahre später noch weh. Mein gültiges Visum wurde annulliert und ich wurde deportiert, weil der Einwanderungsbeamte sagte: ‹Sie haben länger in Australien gelebt als irgendwo sonst.› Nachdem ich aus Australien rausgeworfen wurde und mir klar wurde, dass ich nicht mehr zurückkehren kann, musste ich wegen des Traumas eine Therapie machen. Ich dachte damals daran, mein Leben zu beenden, weil der Schmerz einfach unerträglich war. Seit das Einreiseverbot aufgehoben wurde, habe ich Australien noch zweimal besucht, aber mittlerweile mache ich das nicht mehr. Natürlich ist das Glücksgefühl bei der Ankunft unvergleichlich. Aber der Schmerz, wenn ich wieder gehen muss, ist einfach zu gross.» Basel als Zufluchtsort Nachdem sie aus Australien ausgewiesen worden war, kehrte Marvi nach Brasilien zurück und lebte dort zwei Jahre lang. Im Jahr 2015 kam sie mit zwei Koffern in Basel an und nahm Gelegenheitsjobs und Aushilfstätigkeiten an, unter anderem als Betreuerin in einem Bed and Breakfast. «Mein Sohn und ich beschlossen, in einem Land zu leben, das uns akzeptiert. Ich besitze die doppelte Staatsbürgerschaft, die brasilianische und die schweizerische. Über eine House-Sitting-Plattform fand ich damals einen Job in Riehen. Die Staatsbürgerschaft, die ich 1973 bei meiner Heirat erhalten habe, schätze ich sehr. Heutzutage müssen die Menschen fünf Jahre warten, um sie zu erhalten, und eine Sprachprüfung ablegen. Das kostet viel Geld. Ich habe sie damals umsonst bekommen, ohne dass mir Fragen gestellt wurden. Nicht ich habe die Schweiz gewählt. Die Schweiz hat mich gewählt und mich mit offenen Armen empfangen. Ich bin voller Dankbarkeit und verneige mich vor dem Universum, das mir diese Chance gegeben hat.» Basel bot ihr zwar den dringend benötigten Zufluchtsort, doch ihr Verhältnis zu den Bergen hat sich nicht verändert. «Ich kam nach meiner Pensionierung in die Schweiz und lebte von meiner Rente. Ich wohne in Basel, weil mein Sohn hier lebt. Ich nahm unbezahlte Haus- und Tiersitter-Aufträge an, um mich fortbewegen zu können. Ich habe hier Freunde gefunden, ich liebe meine Wohnung und ich komme in Basel ganz gut zurecht. Ich kenne jeden einzelnen Bus und jedes Tram, ich weiss, wo man einkauft, und ich schätze die Freundschaften, die ich hier geschlossen habe. Manchmal nehme ich die Fähre über den Rhein, fahre einfach auf die andere Flussseite und wieder zurück. Aber ich möchte nach Lausanne ziehen. Wie kann man auch von einem sonnenverwöhnten Land wie Australien in ein Binnenland wie die Schweiz ziehen?» Ein Blick Richtung Horizont Was bedeutet dieses Leben in einem so fliessenden Zustand für Marvi? Wie geht sie mit den vielen Sprachen um, die sie spricht, und wie macht sie sich die Orte, an denen sie schon gelebt hat, verständlich? «Portugiesisch erinnert mich an Partys, Musik, viele Menschen zu treffen und laut zu sein. Englisch ist die Sprache, die ich am liebsten rund um die Uhr sprechen würde. Ich liebe diese Sprache einfach so sehr. Und was das Deutsche und den Dialekt angeht – tja, was soll ich sagen? Ich finde beide Sprachen sehr hart. Meine erste Erfahrung mit der Familie meines Ex-Mannes war nicht die beste. Deshalb habe ich beschlossen, kein Hochdeutsch zu lernen, weil ich es für schwieriger halte. Stattdessen komme ich hier in Basel auch mit Zürideutsch ganz gut zurecht.» Mit 75 Jahren schmiedet Marvi noch immer Pläne, um den einen Ort zu finden, den sie ihr Zuhause nennen kann. «Gelegentlich unterrichte ich ein wenig. Ich bin Bachblüten-Therapeutin. Ich suche nach einer Wohnung mit Blick auf den See, weil ich mich dort weniger klaustrophobisch fühle. Ich liebe die Sprache in Lausanne. Ich war in Morges, um mir die Tulpen anzusehen. Ich liebe es, am See spazieren zu gehen. Es sind die weiten Räume. Es ist wieder dieser ferne Horizont. Heimat ist nicht zwangsläufig der Ort, an dem man geboren wurde. Es ist nicht der Ort, an dem man lebt. Es ist nicht der Ort, an dem man Eigentum oder Haustiere hat. Heimat ist dort, wo dein Herz ist. Es ist der Ort, an dem du dich wohlfühlst. Wo du dich sicher fühlst. Wo du spürst, dass du hingehörst. Ich habe noch Stoff für ein weiteres Buch in mir – vielleicht schreibe ich darüber, wie ich mich in der Schweiz niedergelassen habe.» _______________ Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Alle Gespräche von « Basel Bound» werden im Laufe des Jahres 2026 als Hörserie (auf Englisch) veröffentlicht. Abonniere «Neighbourhood News», um dir die Gespräche anzuhören.