Es war 1985. Ich lag auf dem Perserteppich meiner Grosseltern in Isfahan, einer Stadt im Herzen Irans. Für mich, 4 Jahre alt, war der Teppich ein Kontinent – handgeknüpft, entstanden aus Millionen kleiner Entscheidungen. Draussen summten die Basare: Händler, Stoffballen, das Klappern von Nähmaschinen. Meine Grossmutter war Schneiderin. In ihrem Atelier roch es nach Stoff, heissem Tee und nach der freieren, westlich geprägten Zeit vor der Revolution, als das Summen auf den Basaren viel lauter war, nicht so gedämpft wie jetzt. Wenn eine Kundin glücklich hinaustrat, zwinkerte sie mir zu und sagte leise: «Jeder Fadenstich ist ein Zeichen der Freiheit. Ein kleiner Aufstand.» Ich verstand nicht, warum man das flüstern musste. 1986 kamen wir in die Schweiz. Mein Plan stand bereits: Kleider nähen, die etwas bedeuten. Mein Vater, den ich Baba nannte, sah das nüchterner. Er schaute auf die Menschen auf der Strasse und sagte: «Davon wirst du hier nie leben können.» In mir meldete sich eine freche Stimme.:Dir werde ich es zeigen, Baba. Vom Konferenzraum in den Nähsaal 2012 kündigte ich meinen gut bezahlten Job in der Werbebranche – irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, Dinge bedeutungsvoll aussehen zu lassen, die es nicht sind. Ich schrieb mich mit 30 an der Schweizerischen Textilfachschule ein, mit dem Vorsatz, ein ethisches Label zu gründen. Wer das in Zürich durchzieht, braucht Kapital oder Eltern mit Flair fürs Risiko. Ich hatte Idealismus und einen geduldigen Kontokorrentkredit. Im zweiten Studienjahr, am 24. April 2013, stürzte in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza ein, in der Kleider für westliche Modeketten hergestellt wurden. 1134 Menschen starben. Das Gebäude war rissig gewesen, die Gefahr bekannt. Es war der Moment, als ich verstand: Was ich studierte, waren keine akademischen Übungen. Es waren drängende Fragen. 2014 gründeten mein Geschäftspartner Kai und ich Sanikai Clothing – das Resultat meiner Diplomarbeit, ein veganes Label, ein Wortspiel aus unseren Namen. Unser erster Laden im Kreis 5 war elf Quadratmeter gross. Am Eröffnungstag standen Menschen Schlange. In den Zürcher Medien machte mein Satz «Ich war einmal eine PET-Flasche» die Runde – ein Satz, der deutlich kürzer ist als die meisten Lieferketten, die dahinterstecken. Hinter den Kulissen sah die Realität weniger poetisch aus. Die Stoffe waren teuer, Mindestbestellungen hoch, Lieferketten kompliziert. Einmal kaufte ich zweitausend Knöpfe für zweitausend Franken, ohne zu verhandeln. Die Verkäuferin sah mich an, als gehörte ich in ein Freigehege für gutmeinende Exoten. Was mir schnell schmerzhaft fehlte in dieser Branche, in der ich mich nun bewegte, war Zusammenarbeit. Andere Labels mit Haltung gab es damals in der Schweiz kaum eine Handvoll – und selbst unter ihnen entstand selten ein echtes Netzwerk. Der Grund liegt in einem Dilemma, das die Branche nie offen diskutiert: Die erkämpfte Lieferkette ist das Alleinstellungsmerkmal. Teilen heisst, das Einzige preiszugeben, was man mühsam, gegen alle Widerstände, über Jahre aufgebaut hat. So entsteht in einer Branche, die Transparenz etwa in der Produktion predigt, paradoxerweise Geheimhaltung. Wenn Idealismus zur Erschöpfungsindustrie wird Was nach Rana Plaza passierte, war vorhersehbar und trotzdem deprimierend: Nachhaltigkeit wurde zur moralischen Währung. Wer nachhaltig arbeitet, verkauft nicht nur ein Produkt, sondern ein Versprechen – ich mache es besser, ich gehöre zu den Guten. Das Problem: Moral kennt selten ein «Genug». Plötzlich reichte es nicht mehr, Kleidung in der Schweiz zu entwerfen. Man musste gleichzeitig Lieferketten prüfen, Zertifikate verstehen, Verpackungen optimieren und die Konsumentinnen und Konsumenten auf den richtigen Weg bringen. So entstand ein Erschöpfungssystem. Schweizer Designerinnen und Designer arbeiten oftmals bis tief in die Nacht. Die Margen schrumpfen, der Druck wächst – und mit ihm etwas, das die Branche nie offen ausspricht: stille Konkurrenz unter Gleichgesinnten. Was als Bewegung begann, wird zum Verdrängungswettbewerb. Und trotzdem: Eine Branche, die mit dem Versprechen der Solidarität angetreten ist, züchtet, durch schiere Not, Piranhas – die sich hinter den Kulissen kannibalisieren. Algorithmen beschleunigen das. Sie belohnen makellose Haltungen – Zweifel verkauft sich schlecht. Die Grenze zwischen Ethik und Eitelkeit verschwimmt. Manchmal liegt sie zwischen zwei Posts auf den Social Media. Heute dominieren grosse Labels den Onlinehandel. Die Fast-Fashion-Konzerne haben ihre Lektion gelernt, «Conscious Collections» lanciert, Nachhaltigkeitsberichte auf Hochglanzpapier gedruckt. Und schon ist man wieder dabei – rehabilitiert, applaudiert, zertifiziert. Ich frage mich manchmal ernsthaft: Wer ist eigentlich heuchlerischer? Diese grossen Konzerne mit ihren Greenwashing-Versprechen – oder wir Konsumentinnen und Konsumenten, die jahrelang nur darauf gewartet haben, dass uns jemand endlich erlaubt, wieder billig und ohne schlechtes Gewissen einzukaufen? Die Antwort ist unbequem. Ich gebe sie trotzdem: beide. In unterschiedlichen Kostümen, aber mit demselben Wunsch – dass die Rechnung jemand anderes bezahlt. Eine Branche, die den Kreislauf beibringen will – und selbst keinen kennt Im Sommer 2024 brachte ich meine letzte Sanikai-Kollektion auf den Markt. Heute unterrichte ich an der Schweizerischen Textilfachschule, berate Unternehmen. Ich stelle fest: Die Branche leidet am Gärtli-Denken. Jedes Label hütet seinen Kompost, jede Schule bildet für sich aus, jedes Netzwerktreffen endet mit denselben Gesichtern und denselben uneingelösten Versprechen. Nicht aus böser Absicht, sondern weil alle am Limit sind. Und der Wandel schneller ist als der Wille. Was, wenn das Ziel gar nicht der perfekte Kreislauf ist – sondern ein Werk, das nie in einen Kreislauf eintreten muss, weil es langlebig ist? Eine radikale Frage. Aber: Es braucht mehr Denken im Entwurf, mehr Verantwortung in der Konzeption. Und mehr Sorgfalt in der Umsetzung. Dafür keine Materialtrennung, keine energieintensive Wiederverwertung, nur Reparatur und Weitergabe. Generation für Generation. Und was es wiederum dafür auch bräuchte: kollaborative Ökosysteme statt Einzelkämpfer, eine gemeinsame Sprache, gefeierte Schwarm-Intelligenz statt Nabelschau. Und die Fach- und Hochschulen müssen endlich ran – sie bilden die nächste Generation, die die Branche aus der Gefangenschaft holen muss. Was wäre ein Gewinn? Zehn Labels verhandeln gemeinsam Konditionen, die kein Einzellabel je bekommt – und schreiben Spielregeln, an denen sich alle messen müssen. Auch jene, die Nachhaltigkeit saisonal lancieren. Ein solches System lässt sich nicht von oben verordnen. Es beginnt im Willen, das eigene Gärtli zu verlassen. Ob wir dazu bereit sind, festgefahrene Werte loszulassen? Ein Land, das auf Kooperation gebaut wurde, sollte es eigentlich wissen. Ich hoffe, es hat es nicht vergessen. Es braucht kein neues Material, sondern Mut Die Essenz des rebellischen Fadenstichs meiner Grossmutter trage ich bis heute in mir – und diese Frau, die 1985 in Isfahan flüsterte, was man nicht laut sagen durfte. Irgendwann wollte ich kein Piranha mehr im Haifischbecken sein, in einer Branche, die am Ende nur zwei Rollen zu kennen schien: kleine Fische, die sich gegenseitig auffressen, oder grosse, die einfach alles verschlingen. Fressen oder gefressen werden. Also bin ich aus dem Wasser gestiegen. Nicht weil ich aufgegeben habe – sondern weil ich glaube: Die nächste echte Revolution dieser Branche wird nicht aus einem neuen Material kommen. Nicht aus einem cleveren Zertifikat. Nicht aus einem besseren Algorithmus. Sie wird aus dem Mut kommen, den meine Grossmutter schon kannte: dem Mut, das Richtige zu sagen – auch wenn man dabei flüstern muss.
Schweizer Modebranche unter Druck: Designerin warnt vor Erschöpfung