Der Baselbieter Wahlkampf gilt vielen als unerquicklich. Zu wenig Profil. Zu viel Taktik. Zu viele ausweichende Antworten. Letzten Freitag beklagte dies auch ein Kommentar in der BaZ. Die Kandidaten würden sich vor klaren Positionen drücken, hiess es sinngemäss. Nun weiss man ja nicht, an wem es liegt, wenn es im Wahlkampf langweilig ist: am Betrachter, an den Journalisten oder tatsächlich an den Kandidaten. Konfektionsware statt massgeschneidertes Setup. Denn die meisten politische Interviews funktionieren heute nach einem Ritual. Journalisten und Politiker kennen die Rollenverteilung. Die Fragen sind vorhersehbar. Die Antworten ebenfalls. Interviews sind deshalb eine beliebte journalistische Form, weil sich der Aufwand vermeintlich in Grenzen hält. Doch ein gutes politisches Interview verlangt Recherche. Für jede Frage muss der Interviewer nicht nur die Materie à fond beherrschen, sondern auch die möglichen Anschlussfragen kennen. Erst dann entsteht für die Leser ein Erkenntnisgewinn. Doch allzuoft entsteht der Eindruck, dass nicht politisches Interesse Fragen steuert, sondern journalistische Routine. Als Beispiel, wie man Substanz erreichen könnte, habe ich den beiden Kandidaten jeweils zwei Fragen gestellt. Fragen, die etwas über ihre politische Denkweise offenlegen sollten. Einfache Fragen, die Unterschiede sichtbar machen. An Matthias Liechti: Wie passt sein persönliches Wertefundament zu einer Partei, die sich in den vergangenen Jahren deutlich nach rechts bewegt hat? Und auch ihm eine Frage zu Laubers Performance als Finanzdirektor. An Philipp Schoch: Welche Entscheidung von Finanzdirektor Anton Lauber war richtig – und welche hätte er anders getroffen? Und: Welche Position der eigenen politischen Seite klingt in der Theorie gut, überzeugt in der Realität aber nicht? Weil ich mit diesen Fragen eigentlich Journalisten adressierte, habe ich nicht damit gerechnet, dass die beiden Kandidaten antworten würden. Sie taten es: Liechti, Schoch. Persönlich, direkt, ohne erkennbare PR-Schablone. Ich war überrascht. Zwei Fragen — und es treten zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten hervor. Liechti blieb konsequent bei den gestellten Fragen. Er korrigierte zunächst zwei sachliche Fehler, die in der Berichterstattung über ihn kursieren – er ist kein Mennonit und hat nicht in Südafrika studiert. Anschliessend erklärte er seine Beziehung zur SVP: Parteiprogramme gelesen, grösste politische Schnittmenge gefunden, bewusst entschieden. Gleichzeitig hielt er fest, dass er innerhalb der Partei nicht immer derselben Meinung sei und dies auch für notwendig halte. Den Beweis dafür blieb er schuldig: Die Causa Regez erwähnte er nicht. Zur Finanzpolitik skizzierte er einen konkreten Vorschlag zur Neuordnung der Aufgaben- und Finanzströme zwischen Kanton und Gemeinden. Die Antwort war knapp, strukturiert und diszipliniert. Schoch würdigte die finanzpolitische Bilanz von Anton Lauber, kritisierte die heutige Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden und plädierte für eine umfassendere Aufgabenprüfung nach dem Vorbild des Kantons Aargau. Zur Frage, welche Grünen-Position in der Realität nicht überzeuge, räumte er ein, Tempo 80 auf Autobahnen sei zwar theoretisch begründbar, politisch aber nicht durchsetzbar. Mehr Selbstkritik an der eigenen Seite kam nicht. Danach weitete sich die Antwort aus: Europa, Horizon, Erasmus, Energieversorgung, Fachkräftemangel, Standortpolitik, geopolitische Risiken. Seine Antwort wirkte weniger wie eine Replik auf einen Fragesteller als wie ein komprimiertes Regierungsprogramm. Wie nun lassen sich die Antworten bewerten? Matthias Liechti gewinnt bei der persönlichen Glaubwürdigkeit. Er wurde mit der schwierigeren Frage konfrontiert — sie zielte auf eine potenzielle Spannung zwischen seinem persönlichen Wertehintergrund und dem politischen Umfeld der SVP. Er antwortete direkt, korrigierte Fehler sachlich und erklärte seine Motivation nachvollziehbar. Man hatte das Gefühl, einen Menschen kennenzulernen. Philipp Schoch gewinnt bei der fachlichen Substanz. Er zeigte mehr Dossierkenntnis, mehr konkrete Vorstellungen zur Staatsorganisation, mehr programmatische Breite. Seine Antwort vermittelte das Bild eines Mannes, der sich bereits intensiv mit Regierungsarbeit beschäftigt hat. Kommunikativ hat Liechti einen minimalen Vorteil — nicht weil seine Inhalte stärker wären, sondern weil seine Antwort disziplinierter war. Er blieb näher an der Frage. Politisch hat Schoch einen minimalen Vorteil — nicht weil er überzeugender argumentierte, sondern weil er mehr von seinem Regierungsverständnis preisgab. Doch es gibt eine dritte Ebene. Wer einen Regierungsrat wählt, wählt nicht ein Programm, sondern eine Person in einer Institution. Unter diesem Massstab zeigt Schochs Antwort, was man bereits wusste: Verwaltungsverständnis, institutionelles Denken, Führungserfahrung. Liechtis Antwort hingegen zeigt etwas, das vorher weniger sichtbar war: Er ist reflektierter und politisch eigenständiger, als das SVP-Label vermuten lässt. Deshalb lautet mein Fazit: Schoch bestätigt. Liechti überrascht. Noch wichtiger erscheint mir allerdings eine andere Erkenntnis. Die beiden Antworten zeigen, dass der Wahlkampf möglicherweise nicht deshalb unerquicklich wirkte, weil die Kandidaten nichts zu sagen hatten. Er wirkte unerquicklich, weil ihnen zu oft dieselben unerquicklichen Fragen gestellt wurden.