: Eskalieren für die Sicherheit? 4. Juni 2026 Die israelische Armee provoziert mit ihrer Vertreibungspolitik im Südlibanon bewusst einen Bürgerkrieg, findet Meret Michel. Wieder weht die israelische Flagge über der Kreuzritterfestung Beaufort im Süden des Libanon. Das hat durchaus symbolischen Charakter – nur anders, als die israelische Führung sich das vorstellt. Die Eroberung der Burg am letzten Wochenende markiere eine «bedeutende Wende» im Krieg gegen die Hisbollah, so der israelische Premier Benjamin Netanjahu. Sein Verteidigungsminister Israel Katz erinnerte daran, dass die Golani-Brigade nach 44 Jahren «zurückgekehrt» sei – und hielt fest, wie wichtig die Kontrolle über die Burg für den Schutz der Bevölkerung im Norden Israels sei. Was Israel als Sieg verkauft, ist in Wahrheit bezeichnend für seine gescheiterte Sicherheitspolitik. Zur Erinnerung: Schon einmal hatte Israel die Beaufort-Festung erobert, 1982, während des libanesischen Bürgerkriegs. Damals rückte die Armee bis nach Beirut vor und zwang damit die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) zum Abzug aus dem Libanon. Im selben Jahr jedoch begannen iranische Generäle, eine Organisation aufzubauen, die drei Jahre später als Hisbollah in Erscheinung treten und von da an den bewaffneten Kampf gegen die israelische Besatzung im Süden des Libanon anführen sollte. Als sich Israel im Jahr 2000 zurückzog, war die Hisbollah auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit – und wurde weit über die Landesgrenzen als «Widerstandskraft» gegen Israel gefeiert. Nun marschiert Israel aus Sicherheitserwägungen erneut im Libanon ein. Von der Sicherheit der Libanes:innen ist dabei aber keine Rede. Über 3400 wurden seit Beginn der Kämpfe vom 2. März bisher getötet, darunter 217 Kinder. Die sogenannte Sicherheitszone, also das besetzte Gebiet, soll von seinen Bewohner:innen weitgehend entleert bleiben, solange die Miliz eine Bedrohung für Israel darstelle. Dafür zerstört die israelische Armee systematisch ganze Dörfer, Städte und Landwirtschaftsflächen. Die Vertreibung wird damit zwangsläufig zum Dauerzustand. Sein erklärtes Ziel wird Israel damit nicht erreichen. Die Hisbollah mag der Krieg zwar militärisch geschwächt haben, «zerstört» aber ist sie nicht. Innenpolitisch ist sie unter Druck, doch die Schiit:innen haben angesichts der israelischen Aggression die Reihen hinter der Miliz geschlossen: Viele von ihnen sehen in der Hisbollah die einzige Kraft, die ihren Boden, ja ihre Existenz gegen die israelische Landnahme verteidigt. Es wäre naiv zu glauben, dass das alles ein unbeabsichtigter Nebeneffekt ist. Die israelische Führung weiss, dass ihre Armee die Hisbollah nicht im Alleingang vernichten kann. Sie setzt darauf, die Miliz im Libanon zu isolieren. Die gezielten Vertreibungen Hunderttausender Menschen, fast ausschliesslich Schiit:innen, haben zum Ziel, in der ohnehin schon gespaltenen Gesellschaft die verschiedenen Bevölkerungsgruppen weiter gegeneinander aufzubringen. Viele Libanes:innen werfen den Schiit:innen eine Mitverantwortung für den Krieg vor und fürchten sich, dass Israel mutmassliche Hisbollah-Mitglieder auch in anderen Landesteilen angreifen könnte. Viele Vertriebene stossen daher auf Ablehnung und Feindseligkeit. Die libanesische Regierung wiederum steht unter Druck, die Hisbollah zu entwaffnen. Auch wenn diese Forderung im Libanon viel Unterstützung findet, ist der jüngste Vorschlag Israels – ein koordiniertes Vorgehen der libanesischen und der israelischen Armee – nicht nur herablassend, sondern gefährlich. Es wäre nicht nur ein Schlag ins Gesicht all jener, die von Israel vertrieben wurden, sondern auch das Rezept für einen bewaffneten Konflikt, der das Potenzial hat, die Regierung aus dem Amt und das Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Vieles deutet darauf hin, dass die israelische Regierung genau das zum Ziel hat. ● Zukunft des Libanon : In der Klemme Fast ein Jahr ist es her, seit ein Waffenstillstandsabkommen den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah beendete. Nun droht Israel, ihn erneut zu eskalieren. Wie konnte es dazu kommen? 20.11.2025