Ob China, Indien, die EU-Länder oder die USA – es gibt kaum ein Land, das in Sachen Künstliche Intelligenz nicht vorne dabei sein will. Deshalb wird weltweit viel geplant und vor allem gebaut. KI braucht viel Rechenleistung und dafür grosse Rechenzentren. Und diese Mega-Serverfarmen müssen irgendwo stehen. Neuere «Hyperscale»-Anlagen sind oft so gross, dass Medien Drohnenvideos erstellen, um ihre Grösse deutlich zu machen. Gebaut werden sie deshalb oft in Gegenden, in denen Land vergleichsweise günstig ist. Anwohnende zahlen den Preis für den technologischen Fortschritt Schon ästhetisch ist das kein Genuss. Wer wohnt schon gerne neben einem schmucklosen Betonklotz, der von Sicherheitsarchitektur wie hohen Zäunen und Kameras umgeben ist? Mega-Datencenter sind zudem eine ökologische Herausforderung, um nicht zu sagen: ein ökologischer Albtraum. Sie brauchen so viel Energie wie ganze Städte und sehr viel Wasser, sie verschmutzen die Umwelt und vernichten teilweise fruchtbares Ackerland. Anwohnerinnen und Anwohner haben die berechtigte Sorge, dass infolgedessen Wasser knapp wird und die Energiepreise steigen. Im US-Bundesstaat Virginia seien die Energiepreise in den vergangenen fünf Jahren um 267 Prozent gestiegen, schreibt der «Sierra Club». In Virginia stehen besonders viele dieser Mega-Zentren, teilweise sehr nahe bei Wohngebieten. In Pennsylvania ist die durchschnittliche Stromrechnung laut «Inside Climate News» (ICN) in einem Jahr um 14 Prozent gestiegen. Fachleute warnen sogar, dass in Situationen wie Hitzewellen der Strom ausfallen könnte, weil der Energiebedarf der Rechenzentren so riesig ist – oder eine KI eben den Betrieb einstellen muss. Gefragt werden die Anwohnenden zumindest in den USA aber höchst selten. Obwohl die Anlagen so gross sind, erfahren Nachbarinnen und Nachbarn oft erst davon, wenn die Bauaktivitäten beginnen. Die Verträge sind dann schon lange geschlossen – inklusive aller Schweigevereinbarungen. Selbst wenn die Pläne früher öffentlich werden, ist Widerstand oft zwecklos. Dabei bezahlen sie dafür einen hohen Preis. Wegen der Server-Kühlsysteme wollen die USA das PFAS-Gesetz aufweichen Das Hauptproblem: Die Arbeit, die die Chips verrichten, produziert sehr viel Wärme, deshalb haben die Anlagen einen enormen Kühlbedarf. Das sorgt zwar für Innovation, hat aber auch eine Kehrseite. Die bis vor wenigen Jahren in Rechenzentren übliche Luftkühlung ist Flüssigkühlanlagen oder gemischten Modellen gewichen. Neueste Entwicklungen treiben das Prinzip noch weiter und kühlen mit der sogenannten Tauch- oder Immersionskühlung, bei der der Server in die Kühlflüssigkeit getaucht wird. Flüssigkühlsysteme, die theoretisch in geschlossenen Kreisläufen arbeiten, müssten das verschmutzte Wasser dennoch regelmässig austauschen, erklärt der «Sierra Club». Was mit dem Abwasser geschehe, sei unklar, zumindest in den USA. Die Organisation warnt vor der Verschmutzung der Umgebung mit PFAS-Ewigkeitschemikalien, die als F-Gase oder Kühlflüssigkeiten in den Kühlsystemen stecken. Es gebe zwar Alternativen wie Propan- oder Ammoniakgase, diese würden aber selten genutzt. Dazu stecken PFAS in den Feuerlöschanlagen, die jedes Rechenzentrum benötigt und natürlich PFAS in den Halbleitermaterialien der Server. Diese Bedürfnisse seien so wichtig, dass die Trump-Regierung die PFAS-Regulierung lockern wolle, um den Bau von Rechenzentren zu erleichtern. Ein Data Center ist wie eine Heizung Auch einige andere Details hören sich nach Wildem Westen an. In Memphis werde ein Rechenzentrum mit 35 Gasturbinen betrieben, berichtete «Politico». Die Stickoxide aus der Anlage verschmutzen die Luft und verursachen gesundheitsschädlichen Smog. Der Eigentümer xAI betreibt damit streng genommen ein genehmigungspflichtiges Kraftwerk – offiziell aber nur vorübergehend, weshalb eine Genehmigung nicht nötig ist. Nach einer Studie, über die CNN berichtet, stellen «Hyperscaler» Hitzeinseln dar, die die Umgebung in bis zu zehn Kilometern Entfernung um bis zu 9 Grad Celsius aufheizen – weltweit, von Mexiko bis Spanien. Ein unangenehmes Detail, das bisher unterging. Wie viel Wasser die Rechner verbrauchen, die ChatGPT, Gemini und MidJourney am Laufen halten, gilt als Betriebsgeheimnis. Bekannt ist lediglich: Es ist sehr viel. Weltweit gibt es deshalb Proteste, derzeit vermehrt in den USA, wo sehr viele Datacenter geplant und gebaut werden. Laut Cleanview gibt es derzeit (Stand 1. Juni) in den USA 606 Rechenzentren im operativen Betrieb mit einer Kapazität von knapp 20 Gigawatt. Bis 2030 soll diese auf schätzungsweise 80 Gigawatt steigen. Ein Investitionsvolumen von vielen Milliarden Dollar. Breite Bürgerproteste in den USA Die Auswirkungen grosser Rechenzentren betreffen Menschen weltweit, von Indien bis ins deutsche Bundesland Hessen. Besonders beschäftigen sie derzeit die Menschen in den USA. Bürgerproteste gegen geplante oder im Bau befindliche Mega-Rechenzentren in verschiedenen Landesteilen könnten sogar die Midterm Elections beeinflussen, schreibt die «New York Times», die dazu ein Video gedreht hat. Proteste gibt es unter anderem in Utah, Maine, Virgina, Michigan und Louisiana. Das Anliegen sei «so parteiübergreifend wie Bier», schrieb die «New York Times» und zitierte damit einen Comedian, der in Wisconsin darüber gesprochen hatte. Ein Landwirt im Bayou in Louisiana formulierte seinen Protest im gleichen Format wie ein vom Meta-Konzern geplantes Rechenzentrum, das rund 37 Hektaren gross sein soll: Die bekannte Bürgerrechtsaktivistin Erin Brockovich macht seit Ende April gegen die geplanten KI-Riesenbauten mobil. Sie hat eine Website online geschaltet, auf der Bürgerbeschwerden gegen Rechenzentren lokalisiert werden. Dem Vorgang fehle es an Transparenz, beklagt sie. «Wenn Rechenzentren für die Allgemeinheit so gut sind, warum werden sie dann im Geheimen gebaut?», fragt sie. Ihr Team erhielt Tausende Zuschriften über bestehende oder geplante Gebäude. Auch andere Organisationen wie Cleanview oder Honor The Earth, eine Seite indigener Gemeinschaften, betreiben solche Data-Center-Tracker. Öffentlich sind solche Daten sonst nicht. Die Politik fängt an, zu reagieren Der Widerstand ist so gross, dass auch die Börsen davon Notiz nehmen. Es geht um Milliardeninvestitionen – und natürlich um den technologischen Vorsprung. Vorwürfe, die Proteste seien auf Anregung von «ausländischen Organisationen» (oder direkt « China») oder mit deren Finanzierung zustande gekommen, gibt es ebenfalls. Die Gemeinden, die ihr Land zur Verfügung stellen, erhoffen sich wiederum Steuereinnahmen und Arbeitsplätze – wobei Letztere vor allem beim Bau anfallen. Im Betrieb braucht selbst ein grosses Rechenzentrum nur wenig Personal. Die Regierenden möchten eine Schlüsselindustrie ansiedeln. Die Proteste haben immerhin für eine Reaktion der Politik gesorgt. Mehrere US-Bundesstaaten planen laut ICN eine Regelung, nach der die Betreiber grosser Rechenzentren die dafür benötigte Energie selbst erzeugen müssen. Ein Nachteil davon: Die Betreiber grosser Rechenzentren würden zu Energieunternehmen – mit allen politischen Auswirkungen. Die Ausgestaltung des Programms mit dem eingängigen Namen «Bring Your Own Energy» sei noch nicht ganz klar, berichtet das Medium aus Pennsylvania. Ein Gesetzesvorhaben mit dem Namen GRID (Governor’s Responsible Infrastructure Development Standards) befasst sich auch mit Transparenzvorgaben und Umweltschutz. Der Betreiber soll in Zukunft festgelegte Mindestanteile nicht-fossiler Energie einschliesslich Kernenergie bereitstellen: 10 Prozent bis 2027 und 32 Prozent bis 2035 – zu wenig, kritisieren Umweltorganisationen. Weiter soll der Betreiber für alle Kosten aufkommen, die für den Ausbau der Energieinfrastruktur nötig sind. Bisheriger Energieträger ist meist Erdgas, was in Hessen für die vorläufige Einstellung von Bauplänen gesorgt hat. Ob das Gesetzesvorhaben die nötigen Mehrheiten erhält, bleibt abzuwarten. Befragte Schweizer fordern mehrheitlich mehr Kontrolle In den europäischen Ländern ist man mehrheitlich skeptisch, auch wenn dort die Regulierung in der Regel strenger ist. Das ergab eine repräsentative Umfrage von Algorithm Watch in mehreren europäischen Ländern einschliesslich der Schweiz. Viele Befragte forderten mehr Regulierung und höhere Transparenz. Besonders gross ist die Skepsis in Irland und Spanien – Länder, in denen man die Auswirkungen auf Energiepreise und Wasserverfügbarkeit bereits deutlich bemerke. Von den rund 1000 Befragten in der Schweiz denken 79 Prozent, dass Rechenzentren ihren Energiebedarf offenlegen sollten, 72 Prozent glauben, dass neue Rechenzentren nur gebaut werden sollten, wenn sie mit erneuerbaren Energien betrieben werden können, und 71 Prozent zeigen sich besorgt über den Wasserbedarf der Anlagen. Summary of Data Center Polling in Europe – Algorithm Watch 27. Oktober 2025 KI macht Microsoft & Co. wieder zu CO2-Dreckschleudern – Infosperber am 9. Juli 2024 Durstige KI – Infosperber am 1. Mai 2023
Das Rechenzentrum ist der Fabrikschlot der Zukunft – infosperber