Ein Meilenstein der Schweizer Gesundheitsforschung hätte sie werden können, die «Schweizer Gesundheitsstudie». Vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) 2014 lanciert, gemeinsam mit der Swiss Biobanking Platform sowie mehreren Kliniken und Universitäten. Bei 100 000 Freiwilligen zwischen 20 und 69 Jahren sollte während mindestens 20 Jahren regelmässig Urin und Blut untersucht werden. Die involvierten Forschenden wollten wertvolle Daten über den Gesundheitszustand und die chemische Belastung der Bevölkerung sammeln und besser verstehen, wie sich Ernährung und Lebensstil auf die Entstehung von Krankheiten auswirken. Für die langfristige Speicherung der Proben wäre eine Biobank aufgebaut worden. «Mit einer nationalen Gesundheitskohorte liessen sich Einzelne, Gruppen und Hotspots, die stark durch bestimmte Chemikalien belastet sind, ausfindig machen.» Martin Scheringer 2020 wurde dafür eine Pilotstudie mit fast 800 Erwachsenen aus den Kantonen Bern und Waadt durchgeführt. Ziel war es, Methoden für die umfangreiche Langzeitstudie zu testen und die nötige Infrastruktur aufzubauen. Im August 2023 publizierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Ergebnisse: Die Teilnehmenden waren durch PFAS-Chemikalien, Schwermetalle und das Pestizid Glyphosat belastet. Meist lag die Konzentration zwar unter dem gesundheitsrelevanten Schwellenwert, jedoch gab es wichtige Überschreitungen. Dann, im August 2025, kam die überraschende Absage für die Langzeiterhebung: Sie sei zu teuer, so der Bundesrat in einer Stellungnahme. Die Kosten waren auf 10 bis 12 Millionen Franken pro Jahr geschätzt worden. Das könne sich die Schweiz derzeit nicht leisten. 77-fache Überschreitung Martin Scheringer, Privatdozent an der ETH Zürich und spezialisiert auf organische Umweltchemie, versteht das nicht: «Etwas grob gesagt: Der Entscheid ist falsch, dumm und nicht evidenzbasiert.» Scheringer beschäftigt sich in seiner Forschung mit PFAS, einer Gruppe von mehreren tausend synthetischen Industriechemikalien, die seit den 1970er- Jahren in grossem Umfang eingesetzt werden. Hohe Belastungen können das Risiko für Nieren-, Brust- und Hodenkrebs erhöhen und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. «Eine nationale Kohortenstudie hätte uns ein genaueres Bild gegeben, wie stark die Schweizer Bevölkerung tatsächlich durch PFAS belastet ist.» Scheringer gibt ein konkretes Beispiel für den Nutzen solcher Daten: Letztes Jahr sprach ihn ein Hobbyfischer an, der am Zugersee lebt und regelmässig Fisch aus dem See ass. Er machte sich Sorgen um seine Gesundheit. Scheringer riet ihm, sein Blut im Labor auf die vier häufigsten PFAS untersuchen zu lassen. Das Resultat: 537 Mikrogramm Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) pro Liter Blut, eine Chemikalie, die zur Gruppe der PFAS gehört. Das ist das 77-Fache des Grenzwerts, der als gesundheitlich unbedenklich gilt. «Mit einer nationalen Gesundheitskohorte liessen sich einzelne Menschen, grössere Gruppen und Hotspots, die stark durch bestimmte Chemikalien belastet sind, ausfindig machen», ist Scheringer überzeugt. «Kohorten sind für uns genauso wichtig wie ein gut ausgestattetes Labor für den Grundlagenforscher. Bei diesem fragt auch niemand, ob das wirklich nötig sei.» Nicole Probst-Hensch Dass insbesondere PFOS eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit ist, hatte auch die BAG-Pilotstudie gezeigt: Bei gegen vier Prozent der Teilnehmenden wurde der gesundheitsrelevante Schwellenwert überschritten. Anhand von Blut- und Urinwerten könnten Behörden auf zentrale Expositionsquellen schliessen: belastetes Gemüse, Fleisch oder Fisch. «Das ist keine akademische Übung», sagt Scheringer. «Mit solchen Daten können konkrete Schutzmassnahmen für die Bevölkerung getroffen werden.» Auch Nicole Probst-Hensch kann den Entscheid des Bundes nicht nachvollziehen. Die Epidemiologin am Schweizerischen Tropenund Public-Health-Institut (Swiss TPH) in Allschwil bei Basel war massgeblich an der Entwicklung der nationalen Gesundheitsstudie beteiligt. «Kohorten, die über viele Jahre begleitet werden, sind für uns genauso wichtig wie ein gut ausgestattetes Labor für den Grundlagenforscher », sagt Probst-Hensch. «Bei Letzterem fragt sich auch niemand, ob das wirklich nötig sei.» Es genüge nicht, nur die Chemikalienbelastung in der Umwelt zu messen, wie dies heute bereits getan wird. Schaden für Forschungsstandort Sie verweist auf Sapaldia, die älteste Schweizer Kohortenstudie zu Lungen- und Herzkrankheiten, die seit dem Jahr 1991 läuft. Je nach Phase begleitete sie bis zu 10 000 Personen. In einer Biobank wurden Zehntausende von biologischen Proben gesammelt, die auch Jahre später bei spezifischen Forschungsfragen analysiert werden können. Die Studie habe wesentlich zu einem besseren Verständnis von Risikofaktoren wie Luftverschmutzung und Lärm beigetragen, sagt Probst-Hensch. Zudem sei sie ein Musterbeispiel für den gesellschaftlichen Nutzen von Public-Health- Forschung: «Wir haben eng mit dem Bundesamt für Umwelt zusammengearbeitet, und schliesslich wurde ein Grenzwert für Luftschadstoffe eingeführt.» Zehn Jahre später konnte die positive Auswirkung auf die Gesundheit in der Kohorte nachgewiesen werden. «Es gibt heute keine national repräsentativen Daten zu PFAS und Pestiziden.» Bundesamt für Gesundheit Auch für den Forschungsstandort Schweiz sei das von unschätzbarem Wert. «Dank Sapaldia konnten wir Millionen von Drittmittelgeldern einwerben und uns an internationalen Studien beteiligen.» Wenn hingegen heute Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland genetische Daten und Analysen einer 2014 gestarteten Kohorte mit über 200 000 Personen präsentierten, frage sie sich: «Was kann die Schweiz beitragen?» Probst-Hensch befürchtet, dass Schweizer Forschende den Anschluss an internationale Umweltforschung und Projekte zu Präventions- und Therapieansätzen verlieren. Dass es in der Schweiz an epidemiologischen Langzeitdaten zur Gesundheit fehlt, wurde bereits mehrfach festgestellt. Die Eidgenössische Finanzkommission kam in einem Bericht von 2024 zum Schluss: «Ein Monitoringsystem, das problematische Stoffe in allen Umweltmedien und beim Menschen repräsentativ beobachtet, ist notwendig.» Das volkswirtschaftliche Risiko durch Exposition sei hoch. Und selbst das BAG bestätigt auf Anfrage einen Mangel: «Es gibt heute keine national repräsentativen Daten zu PFAS und Pestiziden. » Zwar sei das BAG weiterhin an einem nationalen Programm für das Humanbiomonitoring interessiert, könne aber nicht zur Finanzierung beitragen. Das BAG habe jedoch einer entsprechenden Initiative der Forschungsgemeinschaft seine fachliche Unterstützung angeboten. Parkinson als Berufskrankheit Stephan Bohlhalter ist Leiter der Klinik für Neurologie und Neurorehabilitation am Luzerner Kantonsspital. In seiner Sprechstunde sieht er regelmässig Bäuerinnen und Bauern, die an Parkinson leiden. «Das ist auffällig», sagt er. Die Aussagekraft der von ihm gesammelten Daten sei jedoch begrenzt. «Mit einer nationalen Gesundheitsstudie könnten wir überregionale und repräsentative Aussagen treffen.» Parkinson sei weltweit die am stärksten zunehmende neurologische Krankheit, so Bohlhalter. Dass Pestizidexposition das Risiko erhöht, daran zu erkranken, sei in zahlreichen internationalen Studien belegt worden. In Frankreich und Deutschland wird Parkinson bei Bauern mittlerweile als Berufskrankheit anerkannt. Als Präsident des Fachlichen Beirats Parkinson Schweiz hat Bohlhalter auch Kontakt zur Politik. Seine Einschätzung: Fragen zu den gesundheitlichen Konsequenzen von Pestiziden für exponierte Berufe und die breite Bevölkerung interessierten im Parlament derzeit nur wenige. Bei einem Besuch im Bundeshaus habe ein Politiker kürzlich zu ihm gesagt: Es sei genügend darüber diskutiert worden. Das Thema habe keine Priorität mehr. Bohlhalter findet deshalb: «Es braucht jetzt Druck aus der Öffentlichkeit und der Forschung, sonst bewegt sich punkto Public Health nichts.» «Die Bauern machen sich mehr Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation als um ihre Gesundheit.» Schweizerischer Bauernverband Beim Schweizerischen Bauernverband (SBV) sieht man keinen Handlungsbedarf bezüglich Parkinson. Eine Sprecherin des SBV schreibt: «Die Bauern machen sich mehr Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation als um ihre Gesundheit.» Schon heute könne Parkinson bei Personen, «die berufsbedingt Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind», als Berufskrankheit anerkannt werden. Sie verweist zudem auf eine kleine Kohorte, die vom Swiss TPH seit 2022 mit fast 900 Landwirtinnen und -wirten durchgeführt wird. Diese basiert jedoch einzig auf Fragebögen, ohne Probennahme und dazugehörige Biobank. Umweltchemiker Martin Scheringer steht zwar mit Regulierungsbehörden von einzelnen Kantonen in Kontakt, aber auf Bundesebene fehle eine funktionierende Schnittstelle. «Politik ist nicht evidenzbasiert, sondern interessengeleitet », sagt er. Er beobachte, wie finanzkräftige Unternehmen regelmässig versuchten, den öffentlichen Diskurs zu PFAS und Pestiziden und deren Regulierung zu beeinflussen. «Die chemische Industrie hat einen deutlich besseren Zugang zur Politik als die Forschung», so Scheringer. Im März 2026 hat der Ständerat denn auch beschlossen, dass die Überprüfung von Pestizidzulassungen zugunsten der Landwirtschaft gelockert werden soll.
Die Schweiz stoppt Studie und bleibt bei PFAS und Pestiziden ahnungslos - Ausgabe 149