Kaum ein Slogan hat das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Demokratie in den letzten zehn Jahren so sehr belastet wie «Follow the science». Sein Reiz liegt auf der Hand: Wo die Evidenz eindeutig ist, sollten Politik und Bevölkerung sich danach richten. Doch zunehmend zeigt sich auch die Kehrseite der Medaille. Von umstrittenen Covid-19- Richtlinien über den Widerstand gegen eine Netto-Null- Klimapolitik bis hin zum Spardruck bei der Forschungsförderung: Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Demokratie ist in Europa und weltweit belastet. «Erstens gibt es nicht ‹die› Wissenschaft, und zweitens kann man ihr nicht einfach folgen.» Das Problem beruht auf zwei Missverständnissen: Erstens gibt es nicht «die» Wissenschaft, und zweitens kann man ihr nicht einfach «folgen». Am besten lässt sich Wissenschaft als Anwendung wissenschaftlicher Methoden verstehen: Hypothesen werden anhand von Belegen geprüft und, falls neue Erkenntnisse vorliegen, auch angepasst. Gerade durch das Widerlegen früherer Theorien entstehen Fortschritte. Wer Wissenschaft als Monolith versteht, hat nicht verstanden, wie sie funktioniert. Es droht eine Desillusionierung über den Fortschritt und die Entwicklung der Gesellschaft. Politik generiert Gewinner und Verliererinnen Der Slogan missachtet eine für moderne Demokratien wichtige Unterscheidung. So hilft uns die Wissenschaft zu verstehen, wie die Welt funktioniert: wie schnell sich die Erde erwärmt, wie sich ein Virus verbreitet, wie sich Geldpolitik auf die Wirtschaft auswirkt. Sie kann beschreiben, wie sich Gruppen verhalten und zu welchen Kompromissen sie bereit sind. Hingegen kann keine wissenschaftliche Untersuchung sagen, wie eine Gesellschaft leben sollte. Diese Entscheide sind Sache der Politik. Und politische Entscheide schaffen naturgemäss Gewinnerinnen und Verlierer. Wenn diese politischen Fragen als wissenschaftliche Fragen behandelt werden, erhält Wissenschaft nicht mehr Autorität. Im Gegenteil: Es untergräbt ernsthaft das Vertrauen der Öffentlichkeit in sie. «Bürgerinnen lehnen es ab, dass sich Forschende in die Politik einmischen, wenn dies mit ihren eigenen Interessen und Werten kollidiert.» Wenn wissenschaftliche Autorität dazu dient, oppositionelle Stimmen in politischen Diskussionen zu entwerten, den Kreis legitimer Stimmen einzuengen oder politische Ziele als objektive Wahrheiten darzustellen, kann dies eine gesunde demokratische Debatte verunmöglichen und den Pluralismus aushöhlen. Die Bürger werden die vorgegebene Richtung zunehmend infrage stellen, mitsamt den Institutionen. Bürgerinnen schätzen unabhängige, qualifizierte Expertenmeinungen. Sie lehnen es jedoch ab, dass sich Forschende in die Politik einmischen, wenn dies mit ihren eigenen Interessen und Werten kollidiert. Das zeigen Forschungsarbeiten, die ich mit anderen Forschenden in verschiedenen Demokratien Europas durchgeführt habe. Es ist kein Defizit bei den Bürgern, das durch bessere Kommunikation behoben werden sollte, sondern eine vorhersehbare Reaktion auf ein schwieriges Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik. Erkenntnisse verschaffen auch Legitimität Dies heisst nicht, dass Wissenschaft keinen Platz in der Demokratie hat. Im Gegenteil: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind Teil des demokratischen Versprechens. Sie verleihen, was man epistemische Legitimität nennen könnte, – Legitimität aus dem Streben nach einer fundierten Politik, die gute Ergebnisse für ihre Bürger erzielt. Demokratien, die nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen, verlieren eines ihrer Standbeine. Deshalb löst auch der gegenteilige Slogan das Problem nicht: Forschende sollen «stick to the facts» und sich nicht in die Politik einmischen. Die Bevölkerung lehnt wissenschaftliche Empfehlungen in politischen Fragen nicht ab. Eine aktuelle Studie in 68 Ländern zeigt, dass weltweit die grosse Mehrheit der Menschen der Wissenschaft vertraut und sich wünscht, dass sie sich stärker in die Politik einbringt. Das Problem für die Bevölkerung sind nicht wissenschaftliche Stimmen in politischen Debatten. Entscheidend ist, wie die politischen Institutionen diese in den Entscheidungsprozess integrieren. «Auf dem Spiel steht nicht das Ansehen der Wissenschaft, sondern die Fähigkeit der Demokratien, sich gut zu regieren.» Angesichts der Signale aus den USA in den letzten Jahren wäre dies dringend notwendig. Bei den Angriffen auf die Unabhängigkeit von Zentralbanken, die Forschungsförderung und internationale Beratungsgremien geht es nicht nur um bestimmte Positionen. Auf dem Spiel steht nicht das Ansehen der Wissenschaft, sondern die Fähigkeit der Demokratien, sich gut zu regieren. Die institutionelle Infrastruktur ist gefährdet, die dafür sorgt, dass Expertenmeinungen in die demokratische Entscheidungsfindung unabhängig vom Wahlzyklus einfliessen. Diese Infrastruktur ist wichtig. Die Demokratie verspricht zwei Dinge: «Regierung durch das Volk und für das Volk.» Wissenschaftliche Expertise gehört zum zweiten Teil. Die Frage war nie, ob Wissenschaft in die demokratische Politik gehört, sondern auf welche Art. Dazu gehört einerseits Unabhängigkeit vor politischer Vereinnahmung und im Gegenzug Inklusivität und Transparenz in Bezug auf die Werte, die hinter wissenschaftlichen Empfehlungen bei umstrittenen Debatten liegen. Das Eine funktioniert nicht ohne das Andere.
Essay: Warum Technokratie politische Pattsituationen nicht rettet - Demokratie auf Probe