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Queeres Erzählen auf der Bühne: Zarte Schwärmerei und schwule Verletzlichkeit

Prometheus Redaktion

Die Mülheimer Theatertage erzählen von heimlichen Blicken, grosser Liebe und flutschigen Körpern.Von Marvin Wittiber Queeres Leben ist sichtbarer denn je – und bleibt doch umkämpft. Je selbstverständlicher queere Menschen, Körper und Lebensweisen öffentlich dargestellt werden, desto stärker werden sie politisch wieder verhandelt: in Debatten über Sprache, Rechte von trans Menschen, Drag-Lesungen, Regenbogenflaggen, Schutzräume und Familienbilder. Die Frage ist also nicht nur, ob queere Menschen vorkommen. Sondern wie. Als Problem? Als Ausnahme? Als pädagogischer Sonderfall? Oder als Teil einer Gegenwart, die ohne queere Perspektiven gar nicht mehr vollständig zu erzählen ist? Das ESC-Finale in Wien hatte zig Millionen weniger als Basel im vorigen Jahr. Lag es am Israel-Boykott? Genau deshalb lohnt zum Abschluss des Festivals ein Blick nach Mülheim an der Ruhr. In der Stadt im Ruhrgebiet, mitten in Nordrhein-Westfalen, finden seit 1976 die Mülheimer Theatertage statt, eines der wichtigsten Foren deutschsprachiger Gegenwartsdramatik. Die 51. Ausgabe lief vom 16. Mai bis zum 6. Juni. Im Zentrum stehen hier nicht primär die Inszenierungen, sondern die Texte. Über die Kinderstücke und das Gewinnerstück des Jugendstückepreis des Heidelberger Stückemarkts finden ausserdem auch Texte für ein junges Publikum Eingang ins Festival und sein Rahmenprogramm.Bemerkenswert in diesem Jahr: Queeres Erzählen taucht nicht nur an einer Stelle auf. Es zieht sich durch Kinder-, Jugend- und Erwachsenentheater. Mal als heimliche Verliebtheit eines Kindes, die brutal entdeckt wird, mal als zarte Schwärmerei, die sich noch keiner eindeutigen Ordnung fügt, mal als Coming-out und grosse Liebe, mal als nonbinäre Märchenrevision, mal als lakonisch-komische Erzählung schwuler Verletzlichkeit in einer beschädigten Welt. Queerness erscheint in Mülheim nicht als einzelnes Thema, sondern als eine Art Gegenwartsrauschen. In Uta Bierbaums Kinderstück «Heute Nacht um 03.34 Uhr» erzählt Eddie von seinem Leben im Hochhaus. Von seiner Familie, von Herrn Taniwa, von Ommi, die weiss, dass genau um 03.34 Uhr ein Feuerball auf die Erde knallen wird. In Eddies Leben knallt es allerdings auch ohne kosmische Katastrophe immer wieder. Zuhause gibt es Gewalt. Eddie redet sich eine Normalität herbei, die er nicht hat: ein Zuhause, das sicher ist, eine Familie, die schützt, eine Welt, die nicht auseinanderfällt.Gerade in dieser Umgebung bekommt Eddies Verliebtheit in seinen Klassenkameraden Noah eine besondere Zartheit. Noahs Augen sind „eisbärwasserblau», Eddie sieht ihn in der Schule meistens nur von hinten, schaut ihm nie zu lange in die Augen, höchstens kurz, schnell, wegen Hausaufgaben, und dann wieder weg. Dass er in Noah verliebt ist, weiss nur der Nachbar Herr Taniwa. Nicht einmal seinem besten Freund Pelle hat er davon erzählt. Diese kindliche Schwärmerei ist noch keine grosse Identitätserzählung, sondern ein Blick, ein Geheimnis, ein Zettel mit kleinen Herzchen. Als Mario, der Partner seiner Mutter, diesen Zettel findet, schlägt die Zartheit in Gewalt um. Er zieht Eddie ins Wohnzimmer, es knallt, und er beschimpft ihn homofeindlich. Eddie weiss noch gar nicht, was das Wort bedeutet. Er schaut seine Mutter an und sagt nur: «Mama?» Doch sie schaut weg. Genau darin liegt die erschreckende Kraft des Stücks: Nicht nur das Schimpfwort verletzt. Nicht nur die Gewalt. Sondern auch das Wegsehen der Person, die schützen müsste. Später erklärt Herr Taniwa Eddie die Begriffe homosexuell, heterosexuell und bisexuell. Eddie kommt zu dem Schluss: «Ich bin also anscheinend homosexuell, denn ich bin verliebt in Noah.Nice» von Kristo Šagor. Das ist ein berührender Moment, gerade weil er so unsentimental ist. Ein Kind findet ein Wort für etwas, das vorher schon da war. Und dieses Wort ist nicht das Problem. Das Problem ist die Welt, in der es wegen so etwas knallen kann. Dass Herr Taniwa Eddie später sogar eine Telefonnummer aufschreibt, bei der man anrufen kann, wenn es zuhause wieder Gewalt gibt, macht den Schutzgedanken konkret. In «Heute Nacht um 03.34 Uhr» wird queere Selbstbenennung nicht vom Thema häuslicher Gewalt getrennt, sondern mit der Frage verbunden: Wer erklärt einem Kind die Welt? Wer schaut hin, wenn andere wegschauen? Und wer sorgt dafür, dass Worte nicht zu Waffen werden?Eine leisere Spur findet sich auch in Simone Saftigs «herzkopfüber». Nach ihren Arbeiten mit dem freien Düsseldorfer Theaterensemble Düsseldrama zur Verfolgung queerer junger Menschen im Nationalsozialismus erzählt Saftig hier vor allem von Krankheit, Haarverlust und kindlicher Fantasie. Daneben taucht eine Verliebtheit in Kim auf. Im Text bleibt Kims Gender offen; die Inszenierung entscheidet sich für ein «er». Gerade diese Schwebe macht die Szene interessant. Auch im Jugendstück «Nice» von Kristo Šagor geht es darum, wie junge Menschen eine Sprache für das finden, was mit ihnen passiert. Mark und Malte spielen. Vor allem online. Aber auch im echten Leben: mit Identitäten, Gemütszuständen und ihrem Beziehungsstatus. Ausgangspunkt ist ein Online-Game, das Mark Zeit, Geld und Kontrolle kostet. Eine Gegenwelt, in der man aufsteigen, gewinnen, verschwinden kann. Doch das echte Leben lässt sich nicht dauerhaft wegklicken. «Freundlichkeit ist mein Widerstand» – Tom Neuwirth alias Conchita Wurst über seine queere Lebenshaltung (MANNSCHAFT-Interview) In der Inszenierung des bisexuellen Regisseurs Sergej Gössner wird «Nice» nicht nur zu einem Stück über Gaming, Eskapismus und Mental Health, sondern auch zu einer Coming-out-Geschichte. Nach einem überraschenden ersten Kuss bahnt sich zwischen Mark und Malte nicht einfach ein Problem an, sondern die grosse Liebe. Das ist das Besondere: Der Kuss ist keine Provokation, kein dramaturgischer Effekt, keine queere Markierung, die dem Stück Aktualität verleihen soll. Er ist ein Ereignis, das plötzlich alles verschiebt. Aus Spiel wird Ernst, aus Unsicherheit Nähe, aus Ausweichen ein möglicher Anfang.Marks Spiel ist ein Ort von Sucht, Kontrolle, Geld und Ohnmacht. Malte ist voller Angst, Fürsorge und Sehnsucht. Zwischen beiden entsteht keine glatte Jugendtheater-Romantik, sondern etwas, das sich durch Unsicherheit hindurch behaupten muss. Šagor verklärt diese Liebe nicht. Aber er nimmt sie ernst genug, um aus ihr mehr zu machen als ein Problem.Während „Heute Nacht um 03.34 Uhr» von heimlichen Blicken erzählt und «Nice» von einem ersten Kuss, führt Kim de l’Horizons «Die kleinen Meerjungraun. Das Flutschige strikes back. Eine Komödie» mitten hinein in eine queere Welt, in der Körper, Sprache und Märchen nicht mehr stillhalten wollen. Schon der Titel verschiebt die Ordnung: Meerjungraun, ohne f. Genderfluide Mischwesen, verwandt mit Andersens kleiner Meerjungfrau, aber nicht bereit, in deren Schicksal einfach aufzugehen. Diese Wesen passen nicht in die Welt, in der sie gelandet sind. Aus Liebe versuchen sie, sich anzupassen. Doch Anpassung tut weh. Und aus diesem Schmerz entsteht Widerstand.Dass Kim de l’Horizon selbst nicht-binär ist, ist dabei keine nebensächliche biografische Information. In «Die kleinen Meerjungraun» greifen Autor*innenschaft, Figurenwelt und Sprachform ineinander: Das Stück erzählt nicht nur von genderfluiden Wesen, es bewegt sich selbst gegen feste Zuschreibungen. Schon in den Hinweisen an mögliche Regien und Spielende wird klar, dass Identitäten nicht egal sind. Der Text soll nicht souverän gemeistert werden wie eine schwierige Welle, sondern immer wieder neu mit den anwesenden Körpern entstehen. Theater wird hier nicht als glatte Illusionsmaschine gedacht, sondern als offener, sichtbarer, gemachter Raum. Die Sprache selbst wird flutschig. Sie entzieht sich, rutscht weg, widersetzt sich der festen Form. Genau darin liegt ihre Kraft. Denn Normen funktionieren oft über Festschreibungen: Mann oder Frau, richtig oder falsch, oben oder unten, begehrenswert oder ausgeschlossen. Die Meerjungraun unterlaufen diese Ordnung, indem sie sich nicht sauber einsortieren lassen. Sie sind komisch, glitschig, körperlich, sprachmächtig, überbordend. Das Märchen, das traditionell vom Preis der Anpassung erzählt, wird hier zur Gegenbewegung. Nicht die Abweichung ist tragisch. Tragisch ist eine Welt, die Körper und Begehren zwingt, sich passend zu machen. Daneben steht Caren Jess’ «To My Little Boy. Held aus Polyester», ein Stück, das queere Existenz noch einmal anders erzählt. Aaron ist Geologe, Spezialist für Bergbauabfälle und weiss ziemlich genau, wie beschädigt die Welt ist. Doch die ökologische Krise ist bei Jess nicht der einzige Abfall, mit dem sich Aaron beschäftigen muss. Auch in seiner Familie gibt es Dinge, die nie richtig ausgesprochen wurden.Aarons Vater ist evangelikaler Pastor auf dem Land. Dass er heimlich raucht, passt für ihn schon nicht zu einem Gottesmann. Dass er homosexuell ist, muss er nicht geheim halten – weil er es sich selbst nie eingestanden hat. Aaron aber kann ihm nichts vormachen. Er ist selbst schwul. Damit verschiebt das Stück den queeren Fokus weg vom klassischen Coming-out-Moment hin zu einer komplizierteren Frage: Was passiert, wenn queeres Begehren nicht nur gesellschaftlich abgewertet, sondern über Generationen hinweg verdrängt, religiös überformt und in Familienstrukturen eingelagert wird? Jess macht daraus kein wütendes Problemstück, obwohl die Zutaten dafür vorhanden wären: ökologische Krise, unterdrückte Sexualität in der Provinz, ein schwuler Sohn, der seinen Vater besser durchschaut, als dieser sich selbst. Stattdessen entsteht das liebevolle Porträt eines Sonderlings, der sich schwer tut mit Kommunikation, Liebe, Sex und den alltäglichen Anforderungen des Lebens. Aaron hatte Freundinnen, Liebhaber, eine wilde Phase, eine Sexualbiografie. Er ist also nicht einfach der verklemmte Sohn aus dem frommen Elternhaus. Und doch trägt er Schuld, Scham und religiöse Prägung mit sich herum, als hätte man sie ihm ins Gebiss gedrückt. Auch Aarons Plüschschwein Tupper gehört zu dieser seltsamen, berührenden Welt: ein versifftes Trostobjekt, Kindheitsrest und unverrottbarer Begleiter in einer Welt, in der man als Einzelkämpfer nicht weit kommt. So erzählt «To My Little Boy» schwules Leben nicht als Triumphgeschichte und nicht als reine Leidensgeschichte, sondern als Weiterleben mit geerbtem Schweigen, religiöser Scham, Freundschaft, Weltangst und Hoffnung.Zusammengenommen entsteht in diesem Jahrgang ein auffälliger Bogen: vom kindlichen Geheimnis über den ersten Kuss bis zu genderfluiden Körpern und schwuler Verletzlichkeit im Erwachsenenleben. Das ist keine lineare Entwicklung, als wäre queere Identität irgendwann abgeschlossen. Eher zeigt sich: Queeres Leben muss in jedem Alter neu verhandelt, geschützt, behauptet, erfunden oder einfach gelebt werden. Vielleicht ist genau das die stärkste Beobachtung dieses Festivaljahrgangs: Queere Gegenwartsdramatik ist nicht mehr nur dort zu finden, wo ein Stück ausdrücklich queer sein will. Sie ist in den Fragen angekommen, die das Theater insgesamt beschäftigen. Wie sprechen wir über uns? Wer bestimmt, welche Körper richtig sind? Wie entstehen Schutzräume? Was macht Sprache mit Kindern? Wie verlieben sich Jugendliche, wenn sie noch gar nicht wissen, wohin mit sich? Wie erzählt man Körper, die sich nicht festlegen lassen? Und wie bleibt man verletzlich in einer Welt, die ohnehin längst brüchig geworden ist?Am Anfang stand die Frage, wer selbstverständlich vorkommen darf. Am Ende müsste die Antwort lauten: eigentlich alle. Nur entsteht diese Selbstverständlichkeit nicht einfach von allein. Sie muss geschrieben, gespielt, gelesen, geschützt und immer wieder neu behauptet werden. Vielleicht liegt gerade darin die politische Kraft dieses Mülheimer Jahrgangs. Queerness steht hier nicht am Rand und bittet um Einlass. Sie ist längst durch alle Stücke gegangen. «Riesenerfolg!» – Ein schwuler Mann aus der Türkei erhält in Österreich Asyl (MANNSCHAFT berichtete).

mannschaft.com

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